Als am Freitag vergangener Woche für die "CDU-Aktien" in den Börsensälen plötzlich 47 (nach 44) gezahlt wurden, als also Leute bereit waren, auf einen Stimmenanteil der CDU von 47 Prozent zu setzen, gab es in den Börsensälen überwiegend ungläubige Gesichter. Wie sich jedoch zwei Tage später zeigte, waren die Schätzungen dieser Börsianer wirklichkeitsnäher als die wissenschaftlichen Ausrechnungen der Demoskopen.

Ob allerdings die leichten Kurssteigerungen vom vergangenen Wochenende eine Folge revidierter Wahlprognosen oder eine Reaktion auf die Beschlüsse von CDU und SPD waren, die Mark nicht, aufzuwerten, wird sich mit Sicherheit niemals feststellen lassen. Tatsache ist, daß es unmittelbar nach den Bundestagswahlen keine Wahl-Hausse in deutschen Aktien gegeben hat. Adenauer und Erhard hatten jedesmal einen Vertrauensvorschuß von den Börsianern erhalten. Diesmal gab es keinen. Wem sollte man auch vertrauen?

Eine Wahl-Hausse war stets nur von begrenzter Dauer. Schon nach kurzer Zeit setzten sich nach früheren Wahlen in der Bewertung der Aktien wieder die wirtschaftlichen Realitäten durch. Und in dieser Hinsicht liegt jetzt manches im Widerstreit. Positive und negative Faktoren hielten sich schon vor der Wahl die Waage. Nichts deutet darauf hin, daß es in den nächsten Monaten anders sein wird. Daraus resultiert die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit des deutschen Aktienmarktes. "Das einzig Stabile in diesem Staat sind die Aktienkurse", behaupten die Börsenspötter.

Die stärkste Stütze des Aktienmarktes sind jene Millionen, die von Fonds, Versicherungen und auch von privaten Sparern für die Anlage in Aktien bestimmt sind und seit dem Sommer in Bereitschaft für den Fall einer nachhaltigen Börsenschwäche gehalten werden. Wenn viele darauf warten, so besagt eine alte Börsenregel, kommt sie nicht. So war es bisher.

Der zweite Pluspunkt für die deutschen Aktien sind die in diesem Jahr noch weiter steigenden Gewinne der Unternehmen. Aus zahlreichen Zwischenberichten der Gesellschaften weiß man, daß 1969 für die Aktionäre ein zweites gutes "Erntejahr" werden wird. Daran werden auch die ungewöhnlichen Lohnerhöhungen in vielen Sparten nichts mehr ändern. 1970 – so meinen die Anlageexperten – wird auch noch gut, weil die berechtigte Aussicht besteht, die gestiegenen Lohn- und Materialkosten wenigstens zum Teil auf die Preise abzuwälzen.

Diese optimistische Beurteilung würde eine weitere Kursheraufsetzung vieler Aktien rechtfertigen. Aber damit zögert man. In einer Periode restriktiver Konjunkturpolitik, wie sie von der Bundesbank eingeleitet und später mehr oder weniger von der Bundesregierung unterstützt wurde, ist eine Aktien-Hausse von längerer Dauer nicht denkbar. Das meinen jedenfalls die konservativ denkenden Börsianer, die ihre Erfahrungen in der siebenjährigen Baisse nach 1960 gesammelt haben.

Die jüngere Generation, insbesondere die cleveren, auf Gewinnwachstum bedachten Vermögensberater, wischt solche Bedenken mit einer Handbewegung vom Tisch. Für sie ist die Börse immer noch eine Einbahnstraße, und zwar eine aufwärts führende. Als die deutschen Standardaktien, deren Kurse sich seit Monaten kaum noch verändert haben, in Lethargie fielen, wichen