Wie wird das 198. Jahrzehnt aussehen – die Jahre zwischen 1970 und 1980? Herrn an Kahn, einer der führenden US-Zukunftsforscher, stellt der Welt von heute eine Prognose. Er sieht voraus: ein System von 150 Staaten, bei aller Unruhe keine großen Kriege, keine Hungersnöte. Japan rückt zur dritten Supermacht auf, Europa krebst dahin. Chinas Stärke – eine Milliarde Menschen – bleibt seine Schwäche.

Von Herman Kahn

Wie wird sich die heutige Welt in den siebziger Jahren verändern? Wie sieht eine „überraschungsfreie Projektion“ aus, welche die sichtbaren Entwicklungstendenzen der Gegenwart in die Zukunft verlängert?

Wir gehen dabei von einem etwa hundertfünfzig, mehr oder weniger unabhängige und souveräne Staaten umfassenden internationalen System aus. Jeder dieser Staaten betrachtet sich als Richter in eigener Angelegenheit; jeder möchte das Ausmaß und den besten Weg zur Verwirklichung nationaler Interessen selbst bestimmen und entscheiden, auf welche Weise er zum Allgemeinwohl beitragen. kann und will. Natürlich ist das unabhängige Handeln der Einheiten innerhalb dieser Nation als Staatssystem Zwängen unterworfen. Aber einiges von dem, was die heutigen Grenzen ihres Handelns ausmacht, etwa die Tendenz zu bipolarer Disziplin und ein großer Teil dessen, was man „Autorität und Prestige der Großmächte“ nennt, sind schwächer geworden und werden sich bis 1980 wohl noch stärker abbauen.

Während der siebziger Jahre werden wir zweifellos sowohl internationalen Wettbewerb als auch internationale Zusammenarbeit erleben; es wird ausgleichende, integrierende Entwicklungen und Konfliktsituationen, Frieden und Aufruhr geben. Ich vermute aber, daß in einem Ausmaß, das viele in der Vergangenheit nicht für möglich gehalten hätten (das heute aber weniger überraschend erscheint), die großen Nationen Selbstbeherrschung und Zurückhaltung üben werden, besonders auf dem Gebiet der Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung. Was heute häufig als „Kriegssystem“ betrachtet wird, wird in Zukunft wohl in immer stärkerem Maße zur Schaffung und Erhaltung des Friedens beitragen, sich aber gleichzeitig ständig am Rande der Krise befinden und zu immer grausameren Methoden der Gewalt fähig sein. Ich nehme allerdings an, daß militärische Stärke und überhaupt militärische Überlegungen in den internationalen Beziehungen im Jahre 1980 eine noch geringere Rolle spielen werden, als sie 1969 zu spielen scheinen – eine der Überraschungen der sechziger Jahre war nämlich ihre relativ geringe Bedeutung.

Es mag nützlich sein, an dieser Stelle einige Gründe für diese Entwicklung aufzuzeigen. Außer auf China und noch einige afro-asiatische Staaten scheint folgendes zuzutreffen:

1. Selbst wenn sich die neo-isolationistischen Tendenzen in einigen Ländern verstärken sollten, wird die Tendenz noch stärker als heute dahin gehen, die Welt als eine geschlossene menschliche Gemeinschaft zu betrachten. Man wird keine Gruppe aus ethnischen oder nationalen Gründen als rechtlos, als Barbaren oder „Untermenschen“ ansehen; jedem wird ein bestimmtes Maß an Menschenrechten zuerkannt werden. Darüber hinaus wird es viele pluralistische Sicherheitsgemeinschaften geben (eine politische und moralische Verbindung von Staaten, die Krieg oder selbst die Anwendung von Gewalt in den meisten Fällen „undenkbar“ werden läßt).