Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Oktober

Nun feiern sie ihren Staat – die, die es für nötig halten, ihn zu feiern, und jene, die ehrlichen Herzens einen Grund zum Feiern sehen. Im Jahr der Anerkennung durch arabische Staaten hat sich die DDR als Symbol für ihr zwanzigjähriges Bestehen nicht arabische Ziffern, sondern die römische XX erwählt, ein Symbol, das in der Vervielfachung fatalerweise eher den Eindruck einer vergitterten, vernagelten Welt als den einer schönen runden Zahl erweckt.

Gibt es einen Grund zum Feiern? Für die SED und ihre Freunde sicherlich. Als am 7. Oktober 1949 die DDR als Staat ins Leben gerufei wurde, meinten nicht wenige westdeutsche Politiker, dieses künstliche Gebilde werde nicht ein Jahr überstehen. Das Illusionäre dieser Anschauung, schon damals wohl erkennbar, hat sich in manchen Köpfen bis heute gehalten. Wenn ein westdeutscher Kanzler die DDR als Phänomen bezeichnet, dann denkt er dabei offenbar an ein unwirkliches Gebilde, über das man hinwegsehen könne. Aber die DDR ist ein fest umgrenztes geographisches Gebiet, das alle Attribute eines Staates hat, die dieses Zeitalter in der praktischen Politik nun einmal Staaten zukommen läßt, ohne besondere moralische Anforderungen zu stellen. Darüber hinaus verbinden sich mit dem Wort "DDR" eine beachtliche wirtschaftliche Potenz, die Eingliederung in einen mächtigen Militärpakt und ein ideologischer Vorposten des Weltkommunismus. Von "Phänomen" kann da keine Rede sein.

Die DDR hat sich etabliert. Sie ist die zweitstärkste Kraft im europäischen Ostblock. Sie ist in der Dritten Welt ein Faktor, der zunehmend an Einfluß gewinnt. Sie ist im Westen zwar kein anerkanntes Mitglied der Staatengemeinschaft, aber sie bekommt allmählich auch hier eine wirtschaftliche Bedeutung, mit der man rechnen muß, und sie ist auch für westliche Länder eine politische Größe, die kein Staatsmann bei seinem nüchternen Kalkül außer acht lassen kann. Vereinfacht gesagt: Wenn der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Arndt sich in Hannover oder Leipzig mit dem Ost-Berliner Interzonenhandelsbeauftragten Behrendt trifft, dann steht er keiner Figur aus dem Sommernachtstraum gegenüber, sondern einem leibhaftigen stellvertretenden Minister – und er verhält sich dementsprechend.

So gesehen ist schon etwas an der These, Walter Ulbricht sei der erfolgreichste deutsche Staatsmann der Nachkriegszeit. Gegen beträchtliche Widerstände, trotz anfangs unüberwindbar erscheinender Schwierigkeiten, nur unter dem Schutz wechselnder und ganz unterschiedlicher Staatsmänner wie Stalin, Chruschtschow und Breschnjew, hat Ulbricht gewiß mehr geschaffen als ein Phänomen: einen Machtfaktor, der nur aus unserer Sicht der zweite Staat auf deutschem Boden ist, der aus der Sicht des Ostblocks – ganz ohne Ironie – der "erste deutsche Friedensstaat" ist.

Die DDR ist Ulbrichts Werk, und es ist ihm so gelungen, wie er es gewollt hat. Daß er dabei nicht zimperlich war, steht auf einem anderen Blatt. Aber es ist keineswegs allein eine Politik der Gewalt gewesen, die zum Resultat DDR geführt hat.