Von Siegfried Schober

Man hatte keine Ahnung, wie es aussehen könnte, welche Filme laufen würden, aber man fuhr mit einem Höchstmaß an Begeisterung zum fünften Festival des neuen Films nach Pesaro, weil man sich ganz schlicht und, wie sich bald zeigen sollte, auch recht naiv ein völlig anderes, ein richtig ernsthaftes, erstklassiges und fortschrittliches Festival vorgestellt und erhofft hatte, das einzige Festival, zu dem man wirklich guten Gewissens, voller Sympathien und anspruchsvoller Erwartungen glaubte kommen zu können. Endlich ein Festival, für das man bereit war, sich entschieden zu engagieren.

Das Image, das man von Pesaro im Kopf hatte, war das eines Gegenfestivals, eines eindeutig in Kontrast zu den bekannteren und größeren stehenden Festivals, offen und unaffektiert, ohne kommerziellen Hintergrund und kulturellen Zierat, eine avancierte Arbeit mit Filmen die Hauptsache.

Dieses Image und die damit verbundene Voreingenommenheit waren nicht wenig schuld an der bitteren Enttäuschung, die einem das diesjährige Festival von Pesaro dann schließlich bereitete, denn man sah nicht nur eine Unmenge unsäglich schlechter Filme, die man schnell vergessen konnte, es war vor allem das Versagen und der Zusammenbruch einer guten Konzeption zu sehen, und das ist über den besonderen Anlaß hinaus größeren Aufhebens wert.

In Pesaro sah man oder wollte man ein Festival sehen, wo die Zusammenwirkung von Film, Politik und Publikum eine selbstverständliche und praktische Angelegenheit, wo die Filme nicht einfach Schaustücke wären, tote Gegenstände, die man zeigt und sieht, unverbindlich anbietet und folgenlos registriert, sondern eine bewegende Kraft aus Bildern und Worten, die eine fruchtbare und vernünftige Kommunikation und das gegenseitige Verhältnis von ästhetischer und politischer Arbeit und Erfahrung auf fortschrittliche Weise animierte und aktivierte.

Darauf gründeten vor allem die hochgespannten Wünsche und Hoffnungen, die man mitbrachte, und dann waren da noch die Erinnerungen an das letzte Jahr in Pesaro, Erinnerungen, von denen sich viele auf fatale Weise als trügerisch herausstellen sollten. Man erinnerte sich an acht oder zehn gute bis großartige Filme, die man auch heute noch sehr gern wiedersähe, an Filme, die auf anderen Festivals höchstens irgendwo abseits oder im verborgenen zu sehen ... wären und die wohl kaum jemals in unseren Kinos oder auf unseren Bildschirmen erscheinen werden. Man erinnerte sich an zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme aus sozialistischen und lateinamerikanischen Ländern, die oft allein schon deswegen interessant und sehenswert waren, weil man vom Kino eines Landes wie Brasilien oder Argentinien ebensowenig Ahnung hatte wie von den tatsächlichen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnissen dort. Man erinnerte sich an stundenlange hitzige Debatten um Film, Kultur, Politik und Revolution, an die Bemühungen von Studenten, die, schließlich mit Unterstützung vieler Regisseure und der Festivalleitung selbst, das linke Festival in ein Agitpolit- und Volksfestival mit klassenkämpferischen Akzenten zu transformieren bemüht waren, an die Umwandlung des Festivals in einen jedermann frei zugänglichen Arbeits- und Diskussionskreis, an Filmvorführungen in Fabriken, an abgebrochene Vorführungen, Demonstrationen, Proteste, Prügeleien im Kino und wüste Straßenschlachten draußen, an faschistische Schlägertrupps, eine selten brutale Polizei, die gegen Kinogänger und Demonstranten mit Tränengas, Lederkoppeln und heulenden Jeeps vorging. Da war es ganz natürlich, sich entschieden für das Festival zu engagieren, so weit, daß man oft die Filme und was mit ihnen geschah nicht mehr so genau ansah oder gar vergaß.

Die ungeheuer deprimierenden und frustrierenden Erfahrungen, die man jetzt gleich von Anbeginn an und durchgehend bis zum Ende hin machen mußte, könnte man nun kurz und bündig mit einer ziemlich pauschalen Beschreibung der rund vierzig Filme, die während dieser Woche zu sehen waren, illustrieren und deutlich machen und damit das katastrophale Fiasko von Pesaro in diesem Jahr für erledigt halten. Das wäre, wenn es darum ginge, wie gut oder vielmehr wie schlecht man diesen und jenen einzelnen Film fand, schnell und leicht getan, aber es wäre im Grunde sinnlos und auch läppisch, nicht nur weil viele Filme kaum einer Beschreibung wert sind, nicht nur weil viele jeder Beschreibung spotten, sondern nicht zuletzt deswegen, weil es bei einer Reihe von Filmen schier unmöglich sein dürfte, kompetent und gerecht zu urteilen.