Von Zbigniew Brzezinski

Die Vergangenheit formt nicht nur die Gegenwart, sie eröffnet uns Ausblicke in die Zukunft. Die tschechoslowakische Tragödie birgt manche Lehren, die uns zu einem besseren Verständnis der voraussichtlichen Entwicklung der kommunistischen Staaten, des sich wandelnden Verhältnisses der Sowjetunion zur kommunistischen Weltbewegung wie auch einer richtigen westlichen Reaktion verhelfen können.

Dem Versuch, diese Lehren im einzelnen zu ziehen, mag eine allgemeine Bemerkung vorangestellt werden. Mit Fug und Recht läßt sich sagen, daß der sowjetische Beschluß, die Tschechoslowakei zu unterjochen, nur ein Aspekt des tieferreichenden innerkommunistischen Streites über die Identität, den Charakter und die Rolle des Kommunismus in der Welt von heute ist. Im Kern ging es bei den Ereignissen in der Tschechoslowakei um die erneute Behauptung der östlichen über die westliche Tradition im Marxismus.

Der Marxismus ist ja eine westliche Doktrin, die als Reaktion auf die Auswirkungen der Industrialisierung im Westeuropa des neunzehnten Jahrhunderts entstand. Von Lenin wurde er mit schöpferischem Einfühlungsvermögen den autokratischen russischen Verhältnissen angepaßt. Der Marxismus-Leninismus, der die disziplin-betonten und aktivistischen Elemente des Marxismus stärker unterstrich und um sie herum eine organisierte, disziplinierte, verschwörerische und revolutionäre Partei aufbaute, war also eine Antwort auf die spezifisch russische Tradition der Autokratie.

Die Folge dieser Neuformulierung war freilich die „Entwestlichung“ des Marxismus, ein Prozeß, der in den Auseinandersetzungen zwischen Bolschewski und Menschewiki offenen Ausdruck fand und sich später verdeckt in den Säuberungen Stalins weitervollzog. Das politische System, das sich auf der Grundlage dieser mittlerweile als Marxismus-Leninismus-Stalinismus bekannten Doktrin entwickelte, war gekennzeichnet durch die typischen Merkmale orientalischer Despoten. Der Traum einer sozialen Demokratie, den sogar

Lenin vor Beginn der Jahrhundertwende noch geträumt hatte, mußte der Realität einer östlichen Gewaltherrschaft weichen.

Ein ideologisches Schlüsselelement jenes Systems war die Vorstellung Stalins, daß sich der Klassenkampf mit fortschreitender Verwirklichung des Sozialismus verschärfe. Normalerweise hätte man annehmen dürfen, daß in dem Maße, in dem sich der Sozialismus konsolidiert und damit auch die antagonistischen Klassen verschwinden, auch die Intensität des Klassenkampfes nachlassen werde. Stalin jedoch verwarf diese Vorstellung ohne Umschweife. Er behauptete im Gegenteil, daß die Klassenfeinde gerade während der Konsolidierung des Sozialismus weitaus subversiver und gefährlicher würden. Diese These mußte herhalten, um die zunehmende Gewaltanwendung innerhalb des sowjetischen Systems zu rechtfertigen. Sie bildete außerdem – was gerade heute von besonderer Bedeutung ist – die Grundlage einiger Ideen, die heute die sowjetische Haltung gegenüber Osteuropa maßgeblich mitbestimmen.