Wie schützt sich unsere Gesellschaft am wirksamsten vor Triebverbrechen?" Diese Frage hatte der "stern" gestellt, und um ihre Beantwortung bemühten sich die von dem Magazin nach Hamburg eingeladenen Mediziner, Soziologen, Juristen und Journalisten aus Ost und West.

Statistisch fallen die sogenannten Triebverbrechen bei der allgemeinen Kriminalität kaum ins Gewicht. Sie hatten an den im Jahre 1968 in der Bundesrepublik verübten Straftaten einen Anteil von weniger als 1,5 Prozent. Statistisch betrachtet ist also die Frage, die sich die Experten beim "stern"-Symposion gestellt hatten, nicht brennender als etwa die Verhütung von schwerer Körperverletzung.

Jedoch ist das von Illustrierten und Boulevardblättern unermüdlich aufgeheizte Interesse der Bevölkerung an den Sittlichkeitsverbrechen sehr groß. Nichts scheint so geeignet, den Einklang der Masse mit den Journalisten herzustellen wie die Veröffentlichung eines Sittenstrolch-Berichts mit Kopf-ab-Tendenz oder eines Photos von der "Bestie".

Beim "stern"-Symposion freilich ging es den Teilnehmern nicht um das Wohlwollen der Öffentlichkeit. Hier sollten vielmehr Kenntnisse vermittelt werden, die es erlauben, aufklärend so auf die öffentliche Meinung einzuwirken, daß sie von Emotionen und Rückfällen in jenen "Abgrund von Unmenschlichkeit" (stern-Redakteur Schwarberg) befreit wird.

Darum standen sachliche Erörterungen der Prophylaxe und Therapie im Vordergrund. Daß dabei der Hintergrund des Problems, die "soziale Funktion" der Triebtäter in unserer Gesellschaft, wie der Frankfurter Soziologe Martin Dannecker formulierte, in den Untergrund abgeschoben und gar nicht behandelt wurde, mag daran liegen, daß viele meinten, dorthin gehöre dieses Frage auch; denn Dannecker ist Mitglied des SDS.

So wurde nicht deutlich, daß unsere normative Sexualmoral Triebverbrechen verursacht. Immerhin bestand darüber Einigkeit, daß sie sie so lange nicht vermindert, wie sie normabweichendes Verhalten als kriminell bewertet. Die soziale Schädlichkeit, die allein Kriterium für die Strafwürdigkeit devianten Sexualverhaltens sein dürfte, ist beispielsweise für Exhibitionismus, hetero- und homosexuelle Verführung Jugendlicher, ja selbst für Pädophilie – wo die Gerichtsverhandlung weitaus größeren Schaden verursacht als jede nicht-aggressive Annäherung an das Kind – noch nie nachgewiesen worden.

Neben der Möglichkeit, die Zahl der Straftaten dadurch zu reduzieren, daß man überprüft, inwieweit von der Norm abweichendes Sexualverhalten eigentlich sozial schädlich, das heißt als kriminell zu ahnden ist, gibt es auch hier die Verbrechensprophylaxe. Sie wird allerdings – zumal sich das sogenannte "Mörderchromosom" nach den überzeugenden Untersuchungsberichten von Dr. Jan Marken als Fehlspekulation erwiesen hat – vorerst weithin identisch sein mit der Verhütung von Rückfällen in strafwürdiges Verhalten. Das gegenwärtig wirksamste Mittel: die Kastration von Trieb Verbrechern.