Informationen und gezielte Desinformationen über einen deutschen Staat

Von Joachim Nawrocki

Über die Deutsche Demokratische Republik ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Die Ausbeute aus der Literatur ist dennoch meist nicht sonderlich befriedigend. Da gibt es die Wissenschaftler, die meist zu trocken und ohne eigene Anschauung schreiben; ihre Bücher sind für den Fachmann interessant, für jeden anderen kaum lesbar. Da gibt es die westdeutschen Journalisten, die mit dem Ergebnis ihrer Arbeiten nicht zufrieden sein können, weil ihnen die Möglichkeit verweigert wird, frei und ungehindert in dem anderen Deutschland zu reiten; sie kennen zwar einige Städte, vor allem Leipzig und Ost-Berlin, aber ihre Eindrücke bleiben punktuell, subjektiv. Und da sind als dritte Gruppe die Ausländer, denen bessere Reisemöglichkeiten geboten werden, die sich aber meist mit ihrem Sujet nur ungenügend beschäftigt haben, so daß selbst bei bester Beobachtungsgabe falsche Schlußfolgerungen und Fehlinterpretationen, oft auch reichlich naive Bekenntnisse anscheinend kaum vermeidbar sind.

Zum 20. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik dürfen auch neue Bücher nicht fehlen. Ein wohl einmaliges Produkt sei an erster Stelle genannt. In der falschen Annahme, daß Bücher über jene Republik "zu einem lohnenden Geschäft geworden" sind, machte sich ein Himburger Linkssozialist ans Werk:

Wolfgang Plat: "Begegnung mit den anderen Deutschen. Gespräche in der Deutschen Demokratischen Republik"; Rowohlt paperback, Hamburg 1969; 365 Seiten, 86 Abbildungen, 14,80 DM.

Schon der Titel ist irreführend, weil der Eindruck entsteht, Plat habe bei seinen Interviews mit "den Deutschen" drüben gesprochen; in Wahrheit sind alle seine Gesprächspartner offenkundig Anhänger der vorherrschenden politischen Konzeption. Plat hat nicht versucht, mit einem Bewohner zu sprechen, der diesem Staat skeptisch gegenübersteht; und daß es davon genügend gibt, weiß jeder, der dorthin fährt. So wirken die Gespräche wie Artikel aus der Parteizeitung "Neues Deutschland", zumal Plat auf kritische Fragen völlig verzichtet. Mit Gewinn kann dieses Buch nur lesen, wer sich seine Skepsis bewahrt, aber selten oder nie die Gelegenheit hat, die Presse der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu studieren.

Das Interessanteste an diesem Buch ist dessen letzter Teil: ein Briefwechsel zwischen dem Cheflektor des Rowohlt-Verlages, Raddatz, und dem Autor Plat. Raddatz äußert sich unverhohlen enttäuscht über Plats Manuskript: Er vermisse "ein Minimum an kritischer Distanz" und "einen immerhin denkbaren Widerspruch". Zu Recht vermerkt Raddatz, es sei ein "zu nuancenloses, freundlich lächelndes Konterfei entstanden" und führt Beispiele an, woran man hätte Anstoß nehmen müssen, etwa die "dirigistischen Praktiken" der Zensur in der DDR. Die Antwort von Plat ist bezeichnend: Er sei Deutscher und Sozialist, schreibt er, also gebe es für ihn keine Distanz zu seinem Thema. Negative Eindrücke habe er wohl gehabt, aber er habe "natürlich" davon nichts geschrieben, weil er keine "Ostzonenstorys" liefern und von den "antikommunistischen Massenmedien" nicht manipuliert werden wollte.