Von Thilo Koch

Adolf von Thadden verfügt über gute Umgangsformen. Nach meiner Auseinandersetzung mit ihm in der Wahlnacht vor der Fernsehkamera verabschiedete er sich höflich, ungerührt und korrekt. Nur aus seiner Umgebung verlautete heftiger Unmut über die Tatsache, daß ich seine Anklage des „barbarisch“ gegen die NPD geführten Wahlkampfes zurückgab und als Beispiel auf das Verhalten der NPD-Ordner in Frankfurt hinwies. Wer repräsentiert diese Partei der nationalen Mobilisierung nun getreuer: der Aristokrat im blauen Anzug oder die neue NPD-SA?

Die Nationaldemokraten müssen sich diese Frage, die sie als unfair weit von sich weisen, schon gefallen lassen. In ihrem Wahlkampf war viel Spiegelfechterei. Thadden mühte sich, seine NPD als echte und durchaus nicht radikale konservative Alternative zur sozialdemokratischen oder radikal-sozialistischen Linken in der Bundesrepublik hinzustellen. Aber im „Politischen Lexikon“ der NPD werden unter dem Stichwort „Konservativismus“ die politischen Verhältnisse in Spanien, Portugal, Südafrika als beispielhaft hingestellt. Als ich Herrn von Thadden darauf hinwies und ihn fragte, ob er – falls er in den Bundestag einziehen werde – aus der Bundesrepublik ein anderes Spanien oder Portugal oder Südafrika machen wolle, bezeichnet er die Definition in seinem Parteilexikon zunächst als Abstraktion, fügt aber dann hinzu: „In Südafrika herrscht wenigstens Ruhe.“

Thadden hat den Senkrechtstart in einigen Bundesländern nicht fortsetzen können; in Baden-Württemberg zum Beispiel verlor er mehr als die Hälfte der Stimmen. Aber wenn Länderwahlen und die Bundestagswahlen unvergleichbare Größen sind, dann gilt das auch für NPD-Zahlen. In Baden-Württemberg ging die NPD von 9,8 bei der Wahl zum Stuttgarter Landtag 1968 auf jetzt 4,3 Prozent in der Bundestagswahl zurück. Aber 1965 erhielt die NPD bei der Wahl zum Bundestag ganze 2,1 – 1969 4,3 Prozent; das ist ein sehr großer Erfolg. Natürlich wird er in der DDR tendenziös und ungebührlich aufgebauscht. In der Sowjetunion dagegen scheint man die Erleichterung der westlichen Länder darüber zu teilen, daß die „Neofaschisten“ nicht ins Parlament der Bundesrepublik einziehen können.

Natürlich waren Thadden und seine Leute über das Wahlergebnis vom 28. September 1969 tief enttäuscht. Vier Wochen vor der Wahl sagte mir der NPD-Chef „ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der FDP“ voraus. Dazu ist es ungefähr auch gekommen, freilich nur um die 5 Prozent herum. Die Erbitterung über das Scheitern kurz vor dem mit aller Kraft angestrebten Ziel hat nun zunächst drei Folgen: Erstens, Adolf von Thadden stellt sich „zur Disposition“, wie er noch in der Wahlnacht erklärte; zweitens, die NPD wird die Bundestagswahl anfechten, „wegen massiver Behinderung im Wahlkampf“; drittens, die Aktivität der Nationaldemokraten richtet sich nun wieder ganz auf ihre Einflußverstärkung in den Ländern und Kommunen.

Was ist von alledem zu halten? Voraussichtlich wird Thadden als Vorsitzender der NPD bestätigt werden. Die Wahlanfechtung wird keinerlei Erfolg haben. Sie wurde auch nach den 65er Wahlen versucht und scheiterte. Sie ist zunächst an den Deutschen Bundestag zu richten und kann vor das Bundesverfassungsgericht gebracht werden. Sie ist eine Geste der Ohnmacht. Und die Aktivität in der Provinz? Hier sind weitere Erfolge denkbar, sofern nicht eine Wahlrechtsreform des Zweiparteiensystems bei uns etabliert wird und alle kleinen Parteien absterben läßt. In diesem Fall werden die anderthalb Millionen NPD-Wähler die CDU/CSU verstärken und in ihr den rechten Flügel. Wer weiß, vielleicht kommt Adolf von Thadden – er ist erst 48 Jahre alt – über diesen Umweg eines Tages doch noch wieder in den Bundestag...

Da hat er nun in der gepanzerten Limousine, abgedeckt durch seine schlagkräftigen Leibwächter, zuletzt sogar unter einer Plexiglaskuppel über dem Rednerpult sein „Deutschland erwache“ unermüdlich verkündet. Die APO ist mit Klauen und Zähnen und manchmal auch härteren Gegenständen gegen ihn angetreten. „Wir sind verteufelt worden“, sagte er in der Wahlnacht, „und man hat uns nicht die gleiche Chance gegeben.“ Aber er hatte noch kurz vorher selber gemeint, die Gewalttätigkeiten der radikalen Neuen Linken gegen die NPD würden seiner Partei nur nützen. Offensichtlich kann nur eines von beiden stimmen. Ich glaube, der tatsächliche Kampf gegen die Thadden-Partei verstärkte den Ruhe- und Ordnungswunsch des Bundesbürgers. Er nutzt NPD und CDU/CSU.

So werden sie weitermarschieren... Aber nicht, bis alles in Scherben fällt, sondern bis eine große Krise ihnen aufhilft oder – da die Krise wahrscheinlich und hoffentlich ausbleibt – bis ihre ewige Gestrigkeit sie dahin verweist, woher sie kommen und wohin sie sich letzten Endes sehnen: ins Gestern.