DIE ZEIT

Das Ende einer Herrschaft

Der 28. September hat eine Zeitenwende eingeläutet. Jedenfalls hat es ganz den Anschein, als laufe das CDU-Abonnement aufs Regieren jetzt aus.

Brevier für die Zukunft

Die Zukunft kann beginnen – endlich. Die Wahlen sind vorbei; bald wird auch die Regierungsbildung vorüber sein. Danach heben jene siebziger Jahre an, die im Wettkampf der Parteien zwar immerwährend als Bezugspunkt der Verheißung und Verpflichtung in Anspruch genommen worden sind, deren Konturen jedoch so vage blieben wie ihr Inhalt Undefiniert.

Prager Inquisition

Die Inquisition schreitet fort. Im Spanischen Saal der Burg auf dem Hradschin brauchten die 110 Mitglieder des ZK der tschechoslowakischen KP 24 Stunden länger als vorgesehen, um zu beschließen, wer alles auf den großen Kehrichthaufen der kommunistischen Geschichte gefegt werden solle.

„Kopf hoch, Walter!“

Die Minute der Wahrheit kam schnell und wirkte betäubend, aber sie währte nicht lange genug, um die liberale Haltung zu demoralisieren.

ZEITSPIEGEL

„Wenn man unter ‚links‘ versteht, daß Privilegien bei Steuern und Bildung für die Reichen und Herrschenden abgebaut werden müssen, daß wirtschaftliche Macht kontrolliert werden muß, dann sind wir links.

Wolfgang Ebert:: Gibt es Krieg?

Kürzlich versammelten sich einige Genossen der Moskauer Propaganda-Zentrale Ausland kap. und Ausland soz., um aktuelle Berufsprobleme zu erörtern.

Die erste Runde ging an Brandt

Kurt Georg Kiesinger mußte warten. Auf Dienstag, 18 Uhr, hatte sich die Delegation der FDP beim Kanzler angesagt. Walter Scheel aber, der Vorsitzende der Freien Demokraten, verspätete sich.

Das Resümee der Wahl

Auf den ersten Blick schien es, daß das Votum der Wähler keine umwälzenden Ergebnisse gezeitigt habe: Die CDU/CSU hat zwar im Vergleich zu 1965 1,5 Prozent verloren.

Weiß-blaue Querschläger

Während sich Brandt und Scheel noch in der Wahlnacht trafen, um ihr Bündnis zu besprechen, steckten in München FDP-Funktionäre die Köpfe zusammen, um dieses Bündnis zu torpedieren.

Taugt unser Wahlrecht?

Die Bundestagswahl hat um Haaresbreite ein Zweiparteiensystem im Bundestag etabliert. Daß es anders gekommen ist, daß wiederum drei Parteien in das Parlament einziehen und die Freien Demokraten nicht durch die Fünf-Prozent-Klausel des Wahlgesetzes guillotiniert wurden, das haben knapp 260 000 der 1,9 Millionen FDP-Wähler bewirkt.

Demoskopen-Debakel

Auch eine Frau hat am letzten Wahlsonntag verloren: Elisabeth Noelle-Neumann, die Umfrage-Chefin aus Allensbach. Diesmal waren ihr die Demoskopen-Götter nicht hold.

Die NPD auf dem Wahlprüfstand

Die Nationaldemokratische Partei hat, gemessen an ihrer Niederlage bei der Bundestagswahl 1969, bereits fünf Jahre nach ihrer Gründung ihren Gipfelpunkt überschritten.

Gesten und Geheul

Adolf von Thadden verfügt über gute Umgangsformen. Nach meiner Auseinandersetzung mit ihm in der Wahlnacht vor der Fernsehkamera verabschiedete er sich höflich, ungerührt und korrekt.

MOSKAU:: Uneins hinter den Kulissen

Einige Unterschiede im bisherigen sowjetischen Presseecho auf die Bundestagswahlen deuten darauf hin, daß hinter den Kulissen ein stilles Ringen zweier rivalisierender Kräftegruppen um die sowjetische Deutschlandpolitik im Gange ist.

LONDON:: Ungern mit Kiesinger

Hinter der ganz außergewöhnlichen Anteilnahme am Ausgang der deutschen Wahlen hatte wochenlang nichts als die Furcht gesteckt, in den Bundestag (und damit in den Europarat und andere internationale Gremien) könne eine Partei einziehen, die man um so mehr verabscheut, als sie ja an britische Versäumnisse wie an deutsche Verbrechen gleichermaßen erinnert.

PARIS:: Unsicher ob der Koalition

Die Aufmerksamkeit, mit der Frankreich die Bundestagswahl verfolgt hat, war größer als je zuvor. Das demokratische Reifezeugnis, das durchweg alle Kommentatoren dem deutschen Wähler ausstellen, wird deshalb wohl nachhaltig ins Bewußtsein dringen.

In Prag stürzten die Idole

Was am Namenstag des heiligen Wenzel, des Nationalpatrons der Tschechen, in Prag bekanntgegeben wurde, hätte noch vor Monaten das Volk auf die Straßen getrieben und Explosionen von Unmut und Bitterkeit heraufbeschworen: der Sturz der beliebtesten Reformpolitiker, Alexander Dubčeks und Josef Smrkovskys, von ihren letzten politischen Machtpositionen, der erzwungene Rücktritt vieler anderer geschätzter Männer des Jahres 1968.

Spiegelfechtereien

Es war nicht viel mehr als ein Streit um Worte, als in der vergangenen Woche im Berliner Abgeordnetenhaus über die Thesen von Bürgermeister Schütz zur Ostpolitik debattiert wurde.

Was geschah in Friedrichshain?

Goebbels und Ulbricht als Bundesgenossen auf einer Versammlung, ich glaube, da haben Sie einen Scherz gemacht“, schrieb uns ein Leser.

Mirage-Affäre: Dritter Mann

Selbst die für ihre Zurückhaltung bekannte „Neue Zürcher Zeitung“ nannte die Affäre ein „Delikt von einmaligem Ausmaß“. Und das ist der Spionagefall Frauenknecht wohl auch.

Prag jetzt fest auf Moskaus Kurs

Die seit längerem erwartete große Säuberungswelle in der ČSSR ist in Gang gekommen. Auf seiner Sitzung am Wochenende beschloß das Zentralkomitee der KPČ einschneidende personelle Veränderungen.

Meir-Besuch: Private Zusagen

Mit allen militärischen Ehren, aber ohne offizielle Zusagen für weitere militärische Hilfe wurde Israels Ministerpräsidentin Golda Meir am Wochenanfang nach zweitägigen Gesprächen mit der US-Regierung in Washington verabschiedet.

Green Berets: Verfahren eingestellt

Die Affäre um die „Green Berets“ wird in dem Dunkel bleiben, das sie von Anfang an umhüllte. Die CIA hat sich „aus Gründen der nationalen Sicherheit“ jetzt endgültig geweigert, ihre als Zeugen vorgesehenen Angehörigen in dem Prozeß aussagen zu lassen, der am 20.

Nixon ohne Fahrplan

Mit Kritik ist die Weigerung Präsident Nixons aufgenommen worden, eine Frist für den endgültigen Abzug der amerikanischen Truppen aus Vietnam zu setzen.

Koalition SPD-FDP in greifbarer Nähe

Die Bildung einer Kleinen Koalition aus SPD und FDP ist in greifbare Nähe gerückt. Was sich bereits in der Wahlnacht andeutete, verdichtete sich bei den nachfolgenden Verhandlungen: Die Sozialdemokraten und die Mehrheit der freidemokratischen Führungsspitze waren fest entschlossen, die Chance, zu einer gemeinsamen Regierungsbildung.

Sieger und Besiegte

Selten ist bei einer Bundestagswahl so viel Prominenz auf der Strecke geblieben wie bei der Entscheidung am Sonntag. Klangvolle Namen nennt die Liste derjenigen, die in ihrem Wahlkreis nicht direkt gewählt wurden.

Dokumente der ZEIT

Es ist wirklich gut für Deutschland, daß der erklärte Rechtsextremismus nicht im Bundestag vertreten sein darf. Als Vorsitzender meiner Partei möchte ich sagen: Dies ist das beste Ergebnis, das wir bisher gehabt haben, und deshalb liegt mir natürlich sehr daran, allen Wählern zu danken und insbesondere auch denen Dank zu sagen, die so gut mitgeholfen haben in den letzten Monaten und Wochen .

Entspannungspolitik im Schatten Prags

Die Vergangenheit formt nicht nur die Gegenwart, sie eröffnet uns Ausblicke in die Zukunft. Die tschechoslowakische Tragödie birgt manche Lehren, die uns zu einem besseren Verständnis der voraussichtlichen Entwicklung der kommunistischen Staaten, des sich wandelnden Verhältnisses der Sowjetunion zur kommunistischen Weltbewegung wie auch einer richtigen westlichen Reaktion verhelfen können.

Wenn die Feste in die Wochen kommen

Als die Berliner Festwochen 1950/51 konzipiert wurden, sollten sie vor allem dazu dienen, Berlin kulturell für das zu entschädigen, was die Stadt auch auf diesem Gebiet mit der verlorenen Hauptstadtrolle eingebüßt hatte.

Weiteres von Rowohlt

Ausführlich berichteten wir in unserer vorigen Ausgabe über die Krise im Rowohlt Verlag, die ausbrach, als entdeckt wurde, daß der Verlag drei seiner Titel dem Bundesverteidigungsministerium zur Verfügung gestellt hatte, welches sie per Ballon und Rakete auf das Gebiet der DDR beförderte – die aber in dieser Schärfe nur ausbrechen konnte, weil ältere Spannungen im Verlag bestanden, die unter anderem mit der Aporie zusammenhängen, daß kapitalistische und „patriarchalisch“ geführte Firmen Literatur revolutionär-sozialistischen Inhalts verbreiten.

Ungeheure Verantwortung

Die einen mögen’s bewundern, die anderen, mag’s vor Neid erblassen lassen: Was Karajan anpackt, hat System, ist klug durchdacht, großzügig angelegt und doppelbödig abgesichert; künstlerisch (dafür garantiert er selbst) und finanziell (dafür findet er Mäzene).

Was bringt die neue Bundesregierung für die Kulturpolitik?: Verschaukeln

Es ist Montagabend. Noch wissen wir nicht, ob der F.D.P. ein "zweiter Heinemann-Effekt" gelingen wird, das heißt: ob ihr rechter Flügel zu einer Koalition mit der SPD bewogen werden kann, und sei es auch nur, um, mit zusammengebissenen Zähnen, die Einheit der Partei zu erhalten.

Fernsehen: Es war eine traurige Wahlnacht

Da schien es im letzten Augenblick doch noch kritisch zu werden, das müssen Sie mir glauben, rief der Kanzler emphatisch, als er in Appels Runde, Gleicher unter Gleichen, unbewiesene Behauptungen aufstellte.

Bossard statt LSD

kann man die Grenzen der Leinwand sprengen? Wie den Raum in Beziehung zum Bild setzen? Wie den „totalen Raum“ schaffen? So neu, wie diese Fragen sind, sind sie nun auch wieder nicht.

FILMTIPS

Das öffentliche Bewußtsein des Westens hat japanische Filme nur in dem Maße akzeptiert, in dem sie japanische mit abendländischen Traditionen des Denkens und der Kunst plausibel verknüpfen.

Im Töten der Größte

Die Erfolgswelle des Italo-Western in unseren Kinos hält unvermindert an. Zunehmend setzen sich die Tageszeitungen mit der Gattung auseinander; Materialsammlungen und Titelregister werden angelegt, Pseudonyme entschlüsselt: Das Genre ist aktenkundig geworden.

Ein Film zuviel

Der Filmheld bindet sein Pferd fest, zieht den Hut in die Stirn und betritt langsam den Saloon. Der Filmheld geht langsamer als die anderen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Während Erasmus fand: "In der Schule wie im Kloster – überall das gleiche: Musik, nichts als Musik", während er gegen die moderne Kirchenmusik wetterte, weil "die Gemeinde kein klares Wort verstehen kann", während die Hussiten Orgeln aus den Kirchen rissen, währenddessen hatte die ungewöhnlich ergiebige, über zweihundert Jahre dauernde, berühmte Zeit der "Niederländischen Musik" begonnen.

Einen Fetisch vor Augen

Man hatte keine Ahnung, wie es aussehen könnte, welche Filme laufen würden, aber man fuhr mit einem Höchstmaß an Begeisterung zum fünften Festival des neuen Films nach Pesaro, weil man sich ganz schlicht und, wie sich bald zeigen sollte, auch recht naiv ein völlig anderes, ein richtig ernsthaftes, erstklassiges und fortschrittliches Festival vorgestellt und erhofft hatte, das einzige Festival, zu dem man wirklich guten Gewissens, voller Sympathien und anspruchsvoller Erwartungen glaubte kommen zu können.

Verhackstückt

Die anspruchsvolle Komödie von einem der wortmächtigsten deutschen Bühnenautoren wartete drei Jahre auf ihre Uraufführung. (Seit Februar 1967 ist „Margarete in Aix“ zu lesen in „Theater heute“.

Kunstkalender

Die komplette Graphik von Kitaj, gut 50 Blätter aus den Jahren 1963 bis 1969, Blätter, die es dem Betrachter nicht leicht machen, schwer zu lesen und zu entziffern, und die sicher zum Intelligentesten gehören, was die zeitgenössische Graphik vorzuweisen hat.

Deutsche Exil-Literatur

Vom 18. bis 21. September hatten sich in Stockholm etwa sechzig Wissenschaftler und Publizisten aus vierzehn Ländern zur ersten internationalen Konferenz, über die deutsche Exilliteratur versammelt.

ZEITMOSAIK

Nun zum Kulturellen“, sprach Professor Schiller auf der Berliner Industrieausstellung und verlieh im Handumdrehen 28mal den soeben von seinem Ministerium gestifteten Bundespreis „Gute Form“.

Manfred Bieler:: Brief an einen Prager Freund

Die Blumen bestellte ich nun aber bei der Münchener Fleurop, denn ich werde an Ihrem Geburtstage nicht in Prag sein, obwohl Sie mir der Nächste sind, obwohl ich, um eine Stunde mit Ihnen zu sprechen, gern eine Tagesreise auf mich nähme.

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