Überhitzte Konjunktur mit wachsender Kollapsgefahr, wilde Streiks und steigende Preise, immer heißer werdende Währungsspekulation – und zu allem noch eine Regierung, die die Wirtschaftspolitik ziellos treiben läßt und seit Monaten zu keiner Entscheidung mehr fähig ist. Wer sich über die ökonomische Lage der Bundesrepublik nur aus Schlagzeilen und nicht durch Augenschein informieren würde, müßte schnell zu dem Schluß kommen, daß unser Land bereits mitten in einer Krise steht. Manche Kommentatoren scheuen denn auch nicht davor zurück, immer wieder das Lied von den "Parallelen zu 1966" herunterzuleiern. So, wie uns damals Ludwig Erhard in die Rezession habe hineinschlittern lassen, so drohe nun – wieder als Folge unterlassener "Stabilitätspolitik" – neues Unheil.

In Wirklichkeit ist alles ganz anders. Die neue Koalition wird ein Erbe übernehmen, um das sie viele Regierungen in der Welt beneiden werden. In Wahrheit muß unsere wirtschaftliche Lage durch eine Aneinanderreihung von Superlativen gekennzeichnet werden: Rekordproduktion, Rekordaufträge, Rekordgewinne und – dies nicht zuletzt – Rekordlöhne. Die deutsche Wirtschaft hat ein Wachstumstempo erreicht, das in der westlichen Welt nur noch von den Japanern übertroffen wird. Und das alles bei recht stabilen Preisen: In der "Inflationsrate" stehen wir unter den großen Industrieländern nach wie vor ganz unten (siehe Graphik Seite 50).

Die "drohende Inflationsgefahr", von der wir seit Monaten hören, war vor allem Produkt der sozialdemokratischen Wahlpropaganda. Die Statistik erweist, daß der Kaufkraftschwund der Mark heute geringer und nicht größer ist als in früheren Jahren: Mit einem Anstieg des Lebenshaltungskosten-Index von 2,7 Prozent liegen wir 1969 unter dem Durchschnitt der sechziger Jahre.

Eigentlich hätte also das Schreckgespenst von der "Preislawine" nur jenen dogmatischen Stabilitätsaposteln Angst einjagen dürfen, die das ökonomische Wohl und Wehe eines Landes davon abhängig sehen, ob der Index einige Zehntelprozent unter oder über einer von ihnen selbst festgelegten "magischen Grenze" liegt. Aber die SPD-Parole "Stabilität über alles" mußte wohl in einem Land, in dem es selbst Experten schwerfällt, über Kaufkraftschwund rational zu urteilen, zündend wirken. Vom Spiegel bis hin zu Frauenzeitschriften hämmerte die, Massenpresse ihren Lesern ein: "Die Preise laufen uns davon."

Es ist schwer zu beweisen, aber offenbar hat sich das Schüren der Inflationsangst für die SPD gelohnt. Zumindest hat es sich für den Mann ausgezahlt, der als erster und zunächst als einziger sozialdemokratischer Politiker die offene Konfrontation mit der Union gesucht hat – für Karl Schiller.

Im Streit um die Aufwertung ist es dem Wirtschaftsminister gelungen, den Kanzler zu überrunden und zum populärsten Politiker zu werden. Was hat es da ausgemacht, daß Kiesinger in der Sache recht hatte. Wie man die Zahlen auch dreht und wendet, von einem "fundamentalen Ungleichgewicht der Zahlungsbilanz" – nach wohl allgemein anerkannter Definition Voraussetzung für eine Änderung des Wechselkurses – konnte und kann angesichts des hohen Kapitalexports keine Rede sein. Doch wie gesagt, das interessiert kaum jemanden – im Wahlkampf zählt allein der Erfolg.

Nun aber ist der Wahlkampf vorüber, nun kann bald wieder regiert werden, nun muß niemand mehr schrill "Anpassungsinflation" rufen, wenn die Lebenshaltungskosten steigen, nun steht der Rückweg zu rational bestimmter Politik offen.