N. B., Hamburg

In St. Pauli steht ein Schulkind morgens im dritten Stock auf, geht die erste Treppe hinunter und findet auf dem Absatz einen Betrunkenen mit einem offenen Hosenlatz liegen. Ein Stockwerk drunter machen zwei gerade eine Nummer, und wenn das Kind dann auf die Straße tritt, ist alles dreckig, voller Liebesmüll. Kleinkinder blasen Präservative auf. Alle zehn Meter trifft man auf eine Prostituierte ... Die Schulkinder von St. Pauli sind durch die Straßenprostitution ernsthaft gefährdet. Sehen Sie, es gibt labile und starke Persönlichkeiten. Die labilen unter den älteren Kindern können durch das tägliche Beispiel zu Dirnen und Zuhältern werden. Da sind zum Beispiel die Autofreier. Unsere Schulmädchen, die haben teilweise auch so ’nen süßen Körper. Da sagt sich der Autostrichler: dolle Puppe. Er spricht sie an. Das erste, das zweite und das dritte Mal sagt das Mädchen – vielleicht nein. Dann hat der Vater ihr vielleicht mal den Wunsch nach einem neuen Pullover verweigert, und dann steigt sie doch ein, weil sie das Geld haben will ...

Mit solchen und ähnlichen Storys begründet Kreis-Eltern Vorsitzender und Hotelbesitzer Klaus G. Weden den Schulstreik in St. Pauli. Vom 24. bis 27. September boykottierten rund 1400 Schüler ihre Schulen, weil die Eltern es so wollten. Bei der vorausgegangenen Urabstimmung sind fast 90 Prozent der Eltern der Parole "moralisch sauberer Schulweg" des Elternfunktionärs Weden gefolgt. Sie fordern eine Sperrzeit für Strichmädchen von 6 bis 21 Uhr. Der Streik richtet sich in erster Linie gegen die Innenbehörde, die nach Meinung der Eltern diese Forderung nicht enthusiastisch und zielstrebig genug aufgegriffen hat.

Innensenator Ruhnau, der zuerst überhaupt nicht reagierte, konzedierte im Sommer verstärkte Polizeistreifen während der Schulwegzeiten. Weden: "Die Polizeistreifen haben sich teilweise mit den Prostituierten unterhalten. Bei den Kindern mußte der Eindruck entstehen, daß sie gemeinsame Sache machten." Erst die Drohung mit dem Schulstreik veranlaßte die Innenbehörde, den Eltern die Rechtslage klarzumachen: die geltende Bundestagsgesetzgebung läßt nur die Alternative zwischen absolutem Sperrbezirk und konzedierter Prostitution. Zu einer modifizierten Handhabung, wie die Eltern sie fordern, fehlt die rechtliche Grundlage.

Doch wie steht es wirklich mit der sittlichen Gefährdung der Kinder? Landesschulrat Meckel, in Oberaufsicht auch für St. Pauli zuständig, stellt fest: "Die Kinder auf St. Pauli wissen mehr und wissen früher." Schulleiter Hamann von der Schule Friedrichstraße, die von Prostitution umgeben ist: "Wie wollen ab der siebten Klasse mit den Kindern über die Prostitution sprechen, über die Triebhaftigkeit des Menschen ... In der achten Klasse wird der Sexatlas eingeführt werden ... Das Vergnügungswesen liegt in St. Pauli wie ein Film über sehr bürgerlichen Menschen ... Die Eltern von Mädchen sind mehr besorgt als die Eltern von Jungen ... Belästigungen von Kindern kommen insofern vor, als manche bei den Verhandlungen zwischen Prostituierten und Freiern zuhören und manchmal weggescheucht werden ... Lernstörungen, die aus der Straßenprostitution resultieren, habe ich nicht vermerkt... Mir scheint hier, daß für die Kinder sehr schlimm sich die zum Teil katastrophalen Wohnverhältnisse auswirken."

Eine achte Klasse in der Schule Friedrichstraße. Sechs streikbrechende Schüler, davon zwei Kinder von Etablissementbesitzern, erhalten als Diktat: "Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu wärmen." Die 14jährigen Schüler: "Uns stört, was auf der Straße vorgeht, nicht." Sie wissen, was Prostitution ist. Einer kennt sogar die Mietpreise vom Eros-Center. Sie halten den Streik sowieso für "blöde" und erst recht vor den Zeugnissen. Sie wollen nicht Zuhälter werden, sondern Maschinenschlosser und Ingenieur.

Am Hans-Albers-Platz spielen Schulkinder zwischen den herumstehenden Prostituierten. Sie haben schulfrei, weil die Eltern streiken. Ein Großvater: "Die Prostitution gehört zu St. Pauli. Was mich viel mehr stört, ist der Lärm, der nachts aus den Bars kommt."