Die Bildung einer Kleinen Koalition aus SPD und FDP ist in greifbare Nähe gerückt. Was sich bereits in der Wahlnacht andeutete, verdichtete sich bei den nachfolgenden Verhandlungen: Die Sozialdemokraten und die Mehrheit der freidemokratischen Führungsspitze waren fest entschlossen, die Chance, zu einer gemeinsamen Regierungsbildung. auszunutzen. Die FDP stand im Mittelpunkt des Interesses der beiden großen Parteien; Obwohl sie der eigentliche Verlierer der Wahl war, schien sie zu einem Gewinner der nachfolgenden Koalitionsverhandlungen zu werden.

Zu einem Meilenstein auf dem Wege zur Installierung eines SPD/FDP-Kabinetts wurde das Treffen der beiden Verhandlungskommissionen, das bis in die Nacht zum Mittwoch dauerte. In der Dienstvilla von Außenminister Brandt erörterten die beiden Parteigremien innen-, sozial- und gesellschaftspolitische Programmpunkte. Wie der FDP-Vorsitzende Scheel anschließend mitteilte, waren sich die Kommissionen in den meisten Punkten einig. Scheel sagte ein Ende der Beratungen mit der SPD bis zum Wochenende voraus. Er erinnerte jedoch daran, daß vor einem Abschluß der Gespräche auch der Hauptausschuß und die Fraktion der FDP entscheiden müssen. Der Bundesvorstand sowie die alte und die neue Bundestagsfraktion der FDP hatten am Dienstagnachmittag gegen drei Stimmen beschlossen, sich an der Bildung der nächsten Bundesregierung zu beteiligen und auf der Grundlage der Wahlplattform von Nürnberg Verhandlungen zunächst mit den Sozialdemokraten aufzunehmen.

Vor der Begegnung zwischen der sozialdemokratische Verhandlungskommission und Scheel und seinen Unterhändlern (den beiden stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Genscher und Mischnick, dem Präsidiumsmitglied Hermann Müller, den Bundestagsabgeordneten Dorn und Ertl sowie dem nordrheinwestfälischen FDP-Vorsitzenden Weyer) gab es am Dienstag noch einige dramatische Entwicklungen in dem Ringen um die neue Regierung:

• Bundeskanzler Kiesinger und Bundesaußenminister Brandt, die beide zuvor Gespräche mit Bundespräsident Heinemann gehabt hatten, trafen zu einer überraschenden Unterredung zusammen. Dem Kommuniqué zufolge ging es dabei jedoch nicht um eine Fortsetzung der Großen Koalition. Kiesinger und Brandt hätten vielmehr Übereinstimmung darüber erzielt, „den Zusammentritt des sechsten Deutschen Bundestages und die Neuwahl des Bundeskanzlers so schnell wie nach dem Grundgesetz möglich vorzunehmen“.

  • Zu einem Gespräch kam es auch zwischen der FDP-Führung und einer CDU-Delegation unter Leitung Kiesingers. Dabei machte der CDU-Vorsitzende den Freien Demokraten ein Angebot „zur Bildung einer gemeinsamen Regierungskoalition“. Die FDP-Unterhändler versprachen, ihre zuständigen Parteigremien über den Inhalt der Gespräche mit der CDU zu unterrichten.

• Für eine Koalition mit der FDP sprach sich auch einstimmig der CSU-Vorstand aus. Eine Wiederholung der Großen Koalition mit der SPD, so hieß es in einem Kommuniqué nach der Sitzung, halte der Vorstand nicht für wünschenswert. Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß ergänzte anschließend: „Es ist töricht, hier von einer Verlierer-Koalition zu sprechen, denn die CDU/CSU hat die Wahl – nicht verloren. Eindeutiger Verlierer ist die FDP.“

Das Wort von der „Verlierer-Koalition“ hatte der SPD-Vorsitzende Brandt bereits in der Wahlnacht geprägt. Unter dem Eindruck der ersten Hochrechnungen war, wenn nicht sogar die absolute Mehrheit der Unionsparteien, so doch die Bildung einer Koalition aus CDU/CSU und FDP für sehr naheliegend gehalten worden.