Von Nina Grunenberg

Bonn, im Oktober

Die Minute der Wahrheit kam schnell und wirkte betäubend, aber sie währte nicht lange genug, um die liberale Haltung zu demoralisieren. Als sich am Wahlsonntag gegen 23 Uhr das Plakat von der Wand löste und zu Boden glitt, auf dem ein fast lebensgroßer Walter Scheel den Besuchern der FDP-Parteizentrale im Bonner Talweg in der Pose eines Butlers entgegengetreten war, auf den Lippen die Losung: „Deutschland verändern mit Vernunft“, war daraus kaum noch ein Symbolgehalt zu gewinnen – Deutschland war den Hochrechnungen zum Trotz offenbar doch noch zu verändern.

Die FDP-Führer hatten sich hinter eine Tür ohne Klinke zurückgezogen um zu beraten – weniger über die Niederlage, als vielmehr über die Chancen mitzuregieren. Die Signalzeichen aus der SPD-Baracke folgten in immer kürzeren Abständen. Während das FDP-Gefolge auf den Fluren und in den Sitzungszimmern vor den Fernsehschirmen dem Schock noch mit Galgenhumor beizukommen versuchte, machten sich seine Führer schon klar zum Start: Bereits vor Mitternacht waren die Mitglieder des FDP-Präsidiums, Genscher, Mischnick, Hoppe und Rubin, unterwegs, um die Weichen zu stellen: SPD-Bundesgeschäftsführer Wischnewski erwartete sie in der Bonner Wohnung von Alex Moeller.

Nur subkutan wirkte die Betroffenheit der Freien Demokraten. Als sich ihre Niederlage kurz nach 19 Uhr ankündigte, hatten sich die Schlachtenbummler wie die Geier auf die Parteizentrale gestürzt, um Augenzeugen des FDP-Purgatoriums zu werden. Schon eine halbe Stunde später war das kalte Buffet bis auf ein paar verwelkte Petersilienbüschel gefleddert. Von einigen hundert Zuschauern in die Ecke gedrängt, von Kameras und Mikrophonen bedroht, hockte Wolfgang Dorn in qualvoller Verlegenheit als einziges einigermaßen prominentes Opfer in Scheels Arbeitszimmer und räumte erleichtert den Platz, als sein Parteivorsitzender erschien.

„Noch nie war mir Walter Scheel so sympathisch wie heute abend“, sagte einer, der mit ansah, wie Scheel die Niederlage seiner Partei eingestand. Locker und verbindlich wie immer bahnte er sich seinen Weg vor die Kamera. Er zeigte nicht einmal Gereiztheit, als er den Maskenbildner abwehrte, der ihm mit der Puderquaste durchs Gesicht fahren wollte. Der Verlierer des Abends forderte kein Mitleid heraus. Daß er tief getroffen war, mußte man sich denken, seine Haltung bot keine Anhaltspunkte, die auf den Zustand seiner inneren Verfassung schließen ließen. Selbst seinen engsten Mitarbeitern ersparte er den Anblick eines geschlagenen Parteiführers. Sie waren ihm dankbar dafür. Gegen Mitternacht verließ er das Parteilokal und fuhr nach Hause zu seiner Frau. Es gibt nicht wenige, die in Mildred Scheel die Quelle seiner Gelassenheit vermuten. „Sie steht“, atmete Geschäftsführer Friderichs auf, der zweimal in der Wahl nacht mit ihr telephoniert hatte, um sich ihrer guten Stimmung zu versichern.

„Monsieur Centre Gauche“, wie ihn Juliette Greco nennt, blieb ruhig, weil er ein erfahrener Kaufmann ist, der gelernt hat, scharf zu kalkulieren. Und nicht etwa, weil er nicht ganz bei der Sache gewesen wäre. Bereits um Mitternacht hatte sich Bonn in eine dampfende Gerüchte-Küche verwandelt. Gegen zwei Uhr morgens waren die Freien Demokraten in der Lobby und im Restaurant des Bundeshauses in den Rang von Regierungspartnern erhoben. Andere erwogen die Chancen des Bundeskanzlers, wie einst Konrad Adenauer zu taktieren und die FDP zu spalten, Ministerien wurden verteilt, Karl Hermann Flach als Regierungssprecher einer linken Koalition gehandelt und die 30 FDP-Bundestagsabgeordneten auf ihre Integrität abgeklopft: Wer würde überlaufen und zu welchem Preis?