"Babylon", Roman von René Crevel, mit einem Essay von Klaus Mann. René Crevel, der sich 1935 mit noch jungen Jahren das Leben nahm, ist ein Bruder Raymond Radiguets und Klaus Manns, Angehöriger einer Generation, die an der Veränderung der Welt leidend teilhatte. "Babylon" ist noch vor der Wandlung Crevels zum kämpferischen, engagierten Intellektuellen geschrieben. Noch herrscht hier, ähnlich wie in den Büchern Radiguets, der Rausch. Ein panerotisches Lebensgefühl gewinnt den Krisen einer alten Gesellschaftsschicht Euphorien ab. Er verwandelt das Banalste in einen Regenbogen von Geheimnissen, errichtet über einer künstlichen Welt der Landsitze, deren Bewohner nicht wissen. "daß die Früchte unschuldig auf den Bäumen wachsen, bevor sie, zur zweifelhaften Bescherung einer Tranche napolitaine verarbeitet, in die ehrenrührige Gesellschaft der Sahne geraten". Man muß die Sprache, das pubertär Hymnische dieses Buches, wie Portwein genießen. Es ist das zeitversetzt Beste, was man haben kann. (Walter-Druck 17, Walter Verlag, Olten/Freiburg; 112 S., 15,– DM) Martin Gregor-Dellin

"Irrenhäuser – Kranke klagen an" von Fritz Fischer. Man darf annehmen, daß sich die meisten der psychisch Schwerstgeschädigten unserer Gesellschaft in psychiatrischen Kliniken und Gefängnissen sammeln. Daß sich die Mehrzahl der Bürger dieser Erkenntnis verschließt, deprimiert weniger als die Beobachtung, daß die Verantwortlichen beider Institutionen offenbar ebensowenig daran interessiert sind, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Resultat dieser soziologisch und psychologisch aufschlußreichen Ignoranz: die Struktur der immer noch sogenannten Irrenhäuser deckt sich weitgehend mit der der immer noch so zu nennenden Strafanstalten. Fischer, der nach einem Germanistikstudium fast ein Jahr lang als Hilfspfleger in verschiedenen psychiatrischen Anstalten Beobachtungen gesammelt hat, belegt diese These bis ins Detail. Dem Gebot der Sicherheit (des Kranken vor sich selber und der Gesellschaft vor ihm) wird das Recht auf menschenwürdige Behandlung und allein effektvolle Psycho- und Soziotherapie nur allzubereit geopfert. Die Hilflosigkeit der Patienten, ihre Rechtlosigkeit und Erniedrigung begünstigen wiederum Machtgelüste und Brutalität auf Seiten des Pflegepersonals. Verallgemeinerungen mögen in der Entschiedenheit, mit der der Autor sie verficht, falsch sein; zu bedenken bleibt jedoch: auch nur ein einziges KZ ist eines zu viel. (Desch Verlag, München; 192 S., 9,80 DM)

Elena Schöfer

"Die Wächter des Herzens", Roman von Franchise Sagan. Sie haben Geschmack, Francoise Sagan, die Autorin, und Dorothy Seymour, ihr Geschöpf, die ebenso wie ihre Erfinderin Geschichten schreibt, schnelle Autos liebt, erfolgreich genug ist, um luxuriös leben zu können, gescheite Männer (für kurze Zeit) heiratet und sich für ihr exquisites Ich eine exquisite Kulisse errichtet hat. Sie wissen beide, daß es sinnlos ist, Mitte Vierzig noch Träumen der Jugend nachzujagen und für die Moral die Bequemlichkeit aufzugeben. So arrangieren sie sich. Françoise Sagan mit einem witzigen, boshaften, geistreichen Krimi, in dem sich Dorothy mit einem entzückenden, skurrilen, zärtlichen und bildschönen Mörder arrangiert, Reinkarnation des Pagen von Hochburgund "und in der Furcht des Herrn ergeben der Gebieterin..." obwohl das alles in Hollywood spielt. Der Ort der Handlung gibt an, daß alles selbstverständlich nur ein Spiel ist. Das Ganze ist ein Spaß, und wenn auch ein Spaß erst durch einen Schuß Grausamkeit, einen Hauch Tragik Existenz gewinnt, so besitzt die Sagan genug Geschmack und Stilgefühl, um zu wissen, wen sie sterben lassen darf, um den Lesern ihren Spaß bis zum letzten spöttisch-eleganten Satz zu wahren. (Ullstein Verlag, Berlin/Frankfurt; 152 S., 12,– DM)

Sybil Gräfin Schönfeldt