Wieder einmal raunt man in europäischen Automobilfachkreisen den Namen eines Konzentratiansopfers – Lancia. Das Turiner Unternehmen, Produzent eleganter Wagen für gehobene Ansprüche, war bereits vor einem Jahr einmal im Gespräch. Damals hatte ein langer Streik die Kräfte des Unternehmens erschöpft.

Fiat-Konzernherr Giovanni Agnelli orakelte damals auf einer Pressekonferenz: Man werde gegebenenfalls helfen. Das sei Fiat der Vaterstadt Turin und auch dem befreundeten Unternehmen schuldig. Agnelli gab aber gleichzeitig zu bedenken: "Fiat ist ohne Lancia stärker als mit Lancia."

Der drittgrößte italienische Automobilhersteller ist seitdem nicht stärker geworden. Lancia stellte 1968 nur 39 300 Fahrzeuge her, das waren 14 Prozent weniger als im Vorjahr. Obwohl die drei Autowerke in Turin, Chivasso und Bozen mit ihren rund 10 000 Beschäftigten von Streiks verschont blieben, gingen die Inlandszulassungen zwischen Januar und Mai dieses Jahres weiter um 16,2 Prozent zurück.

Es ist kein Geheimnis, daß sich inzwischen deutsche, japanische und auch amerikanische Autohersteller für das teure Hobby des italienischen Zementkönigs Carlo Pesenti interessierten. Kürzlich bekam Lancia-Eigner Pesenti Besuch von Edgar Molina, Vizepräsident der Europäischen Ford-Gruppe. Ford hat erst vor wenigen Monaten in Turin sein europäisches Styling-Zentrum errichtet.

Indessen wird Italiens Autokönig Agnelli ebensowenig wie der italienische Staat mit seinen Alfa-Romeo-Werken zulassen, daß die amerikanische Automobilindustrie einen Brückenkopf in Italien gewinnt. Alfa Romeo scheidet als Käufer von Lancia aus: Die großzügig geplanten Alfa-Anlagen in Mailand sind trotz zügiger Expansion noch nicht ausgelastet, und man hat mit Staatshilfe das ehrgeizige und teure Projekt "Alfa Sud" begonnen.

Bei Neapel werden zur Zeit die Betonpfeiler für diese große Autofabrik gegossen, die ab 1971 einen preiswerten Alfa herstellen soll. Der Staat will mit dem neuen Werk Entwicklungshilfe für den Süden leisten – Alfa Romeo will sein Typen-Programm nach unten ausweiten.

Innocenti, der vierte italienische Auto-Wettbewerber, der ein Drittel seines Umsatzes mit der Lambretta, ein weiteres Drittel im Anlagenbau und rund 100 Millionen Mark Umsatz mit der Montage eines schnellen Kleinwagens nach Lizenz der "British Motor Corporation" erzielt, scheidet ebenfalls als Lancia-Interessent aus.