Frauen, schlecht entlohnt – Erziehung zum Verzicht

Träume vom Komfort

Von Gisela Stelly

Barbara L. ist 22 Jahre alt. Sie ging in die Volksschule; dann ist sie Schneiderin geworden. Das heißt: sie hat eine dreijährige Lehrzeit machen müssen, und da bekam sie 45 bis 55 Mark im Monat. Nach den drei Jahren wurde sie Gesellin; und die Werkstatt, für die sie Abendkleider nähte, zahlte ihr 2,80 Mark Stundenlohn, nach einem halben Jahr drei Mark und nach wiederum einem halben Jahr 3,15 Mark.

Dabei und bei 50 Mark Weihnachtsgeld blieb es, drei Jahre oder vier. Schließlich wurde die Firma verkleinert und Barbara L. gekündigt. "Dann ging ich in die Industrie", sagt sie; und sie meint einen Kaufhauskonzern. Sie wurde Änderungsschneiderin.

"Der Konzern zahlt besser", sagt sie: 488 Mark netto am Monatsende (brutto 650 Mark). Dafür arbeitet Barbara 42 1/2 Stunden in der Woche, auch sonnabends; dafür steht sie um 6.30 Uhr auf und kommt um 17.30 Uhr nach Hause; dafür bekommt sie achtzehn Arbeitstage im Jahr Urlaub und hundert Mark Weihnachtsgeld. Auch hat sie zehn Prozent Ermäßigung für Lebensmittel, fünfundzwanzig Prozent für Berufskleidung, fünfzehn Prozent für alles übrige, was sie im konzerneigenen Warenhaus kauft.

In der Bundesrepublik gibt es 9,5 Millionen berufstätige Frauen; zweieinhalb Millionen sind Mütter mit Kindern unter achtzehn Jahren, 91 000 der Mütter sind unverheiratet. 479 000 haben drei und mehr Kinder. Schlecht bezahlt und mit kaum einer Chance, jemals in eine bessere Lohngruppe oder in bessere Arbeitsverhältnisse aufzusteigen, müht die Frau mit Kindern sich im Haushalt und im Beruf ab – und dann stellt sie fest, daß sie vor den Augen der Umwelt versagt: als Hausfrau, als Mutter und als berufstätige Frau, schließlich auch als Ehefrau, als "seine" Frau, die mitverdienen muß.