Mit Kritik ist die Weigerung Präsident Nixons aufgenommen worden, eine Frist für den endgültigen Abzug der amerikanischen Truppen aus Vietnam zu setzen. Auf einer Pressekonferenz am Wochenende hatte Nixon die Forderungen nach einer zeitlichen Begrenzung des Engagements der USA zurückgehesen und sie als Ausdruck einer „defätistischen Haltung“ bezeichnet.

Auch Verteidigungsminister Melvin Laird lehnte einen festen „Fahrplan“ für den amerikanischen Rückzug ab. Als Voraussetzung für eine weitere Reduzierung der US-Truppen in Vietnam wiederholte Laird die alten Bedingungen: Fortschritte bei den Pariser Verhandlungen, verstärkte Übernahme der militärischen Aufgaben durch Südvietnam und Rückgang der Kampftätigkeit. Zur Zeit wird, laut Laird, nur die zweite erfüllt. Dennoch will Washington daran festhalten, bis zum Ende des Jahres 35 000 GIs aus Vietnam abzuziehen. Unter ihnen werden erstmals „Ledernacken“ sein. Ab Montag sollen 5900 dieser Elitesoldaten das Land verlassen.

Die unbegrenzte Vietnam-Strategie des Präsidenten hat inzwischen wachsenden Unmut bei einer Gruppe demokratischer Senatoren und Widerspruch im republikanischen Lager ausgelöst. Edmund Muskie, Senator und potentieller Präsidentschaftskandidat der Demokraten, meinte zu den Äußerungen des Präsidenten: „Nixon will Zeit gewinnen, aber seine Zeit läuft

Der neue Führer der republikanischen Senatsfraktion, Hugh Scott, schlug vor, die amerikanischen Streitkräfte bis Ende 1972 vollständig aus Vietnam abzuziehen, Scotts Fraktionskollege Charles Goodell ging noch einen Schritt weiter: Er will den 1. Dezember 1970 als Termin für die Rückführung der letzten amerikanischen Einheiten.

An ein weit länger dauerndes Engagement der USA glaubt hingegen der südvietnamesische Staatspräsident Nguyen Van Thieu. In einer Stellungnahme zur Pressekonferenz Nixons meinte er: „Bis zum Abzug aller US-Truppen aus Südvietnam werden noch Jahre vergehen.“ Bis dahin und bis zu einem „befriedigenden Ergebnis“ der Pariser Gespräche sei Südvietnam gewillt weiterzukämpfen.

An Waffen dazu fehlt es der Regierung Südvietnams offensichtlich nicht. Wie aus der südvietnamesischen Botschaft in Washington verlautete, konnte Saigon in der letzten Zeit sogar eine größere Anzahl von „überflüssigen“ Waffen amerikanischen Fabrikats an internationale Waffenhändler verkaufen. Zu den bisher veräußerten „Überflußwaffen“ gehören unter anderem: 5000 der bewährten amerikanischen Schnellfeuergewehre vom Typ „M-16“, 337 Maschinengewehre und 182 Granatwerfer.

Der Erlös aus den Verkäufen soll zur Anschaffung von neuen und moderneren Waffen dienen. Die einschlägige Wunschliste Saigons ist inzwischen von Präsident Thieu in einem Fernsehinterview erweitert worden: Er forderte die USA auf, seinem Lande auch den Zugang zu Atomwaffen zu verschaffen.