Bonn

Seit Monaten beklagt der Kölner Untersuchungshäftling Heinz Sütterlin, der van der Bundesanwaltschaft des Landesverrats zugunsten der Sowjetunion bezichtigt wird, er werde über Gebühr in Untersuchungshaft gehalten. Tatsächlich entpuppt sich Sütterlins zweijährige Haft nun als Vorteil für ihn. Denn unlängst trat ein Gesetz in Kraft, nach dem Staatsschutzdelikte künftig von Oberlandesgerichten verhandelt werden. Der Bundesgerichtshof, bisher einzige und letzte Instanz für Landesverräter, fungiert neuerdings als zweite Instanz. Auch Spione haben nunmehr das Recht, gegen ihre Verurteilung Revision einzulegen.

Wenn im Oktober der rote Spion Sütterlin in Köln vor dem Oberlandesgericht steht, tritt eine der spektakulärsten Spionageaffären in ihre letzte Phase. Der aufsehenerregende Fall des sowjetischen Geheimdienstobersten Jewgenij Runge wird gerichtsnotorisch, wenn auch unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Am 10. Oktober 1967 meldete sich der heute 41jährige Runge alias Willy Kurt Gast, alias Heinz Paul Mohrmann, alias Wladimir Iwanowitsch Maksimow bei amerikanischen Geheimdienststellen in Westberlin. Er bat um Asyl und Straffreiheit für eine zwölfjährige Agententätigkeit gegen den kapitalistischen Westen. Die Amerikaner gewährten dem russischen Spitzenspion, was er begehrte. Denn Runge zeigte sich erkenntlich. Er lieferte als Gegengabe ein bundesdeutsches Spionage-Quintett aus, das er als russischer Führungsoffizier jahrelang dirigiert hatte. Zu Runges Spionageriege gehörten

  • die 39jährige Sekretärin des Auswärtigen Amtes, Leonore Sütterlin, geb. Heinz,
  • ihr 45jähriger Ehemann Heinz Sütterlin, Photo-Journalist in Bonn,
  • der 43jährige Prominentenkellner Martin Markgraf,
  • dessen 46jähriger Schwager Leo Pieschell, Hausmeister bei der französischen Botschaft und
  • Pieschells trinkfeste Ehefrau Clara.

Fünf Stunden nach Runges Ost-West-Wechsel griff die Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes in Bad Godesberg zu und setzte das Quintett fest.

Generalbundesanwalt Martin meldete in dürren Worten: "Es handelt sich um einen schwerwiegenden Verdachtsfall von Spionage zugunsten der Sowjetunion."