Von Gabriel Laub

Seine Poetik sei "die Poetik eines Polizisten; ich trage Fakten zusammen: ich schreibe keine Geschichte, ich lege Zeugnis ab. Und ich sage, daß es wahr ist, so und so ist es gewesen, ich sage es jetzt, hier, wo unser Leben auf halbem Wege angelangt, zitternd im kühlen Mitternachtswind, der Dante um die Ohren pfiff, als er im Dunkel und im Nebel allein blieb". So steht es in dem Buch von

Josef Jedlicka: "Unterwegs", aus dem Tschechischen von Vera Černá, Nachwort von Peter Urban; edition suhrkamp 328, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 155 S., 3,– DM.

Beginnen wir auch wie mit einem Polizeiprotokoll über den Autor: Er kam 1927 in Prag zur Welt. Während des Krieges trat er in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei ein, als kein Opportunist ihr beitrat, und 1948 trat er aus der Partei aus, als kein Opportunist sie verließ. An der Prager Karlsuniversität studierte er Ethnologie und Ästhetik. Sein Studium durfte er erst in den sechziger Jahren vollenden (siehe den vorigen Satz). Unterdessen versuchte er sich in den verschiedensten Berufen und schrieb für die Schublade (siehe den vorvorigen Satz) literarische und philosophische Essays. Seine Dissertation befaßte sich mit der Degeneration der Metapher im Prozeß der Industrialisierung der Gesellschaft. Sein Zeugnis, ein kleines Buch, das nun unter dem Titel "Unterwegs" auch deutsch erschien und dem der Autor das Dante-Zitat "wo unser Leben angelangt auf halbem Wege" im tschechischen Original zum Titel gab, schrieb er in den Jahren 1954/57 – und veröffentlichte es 1966 in Prag.

Das erste Datum ist wichtig, will man die Geschichte Josef Jedličkas erfahren, denn für einen Autor ist es bedeutsam, wann er etwas schreibt, während das andere Datum zur Geschichte der tschechischen Literatur gehört, denn für die Erkenntnis dieser oder jener Literatur ist es wichtig, was wann erscheinen darf und kann.

Bis zum August 1968 arbeitete Josef Jedlicka als Ethnologe im Kreismuseum von Litvinov, einer nordböhmischen Industriestadt, heute lebt er als Schriftsteller und Rundfunkredakteur in München. "Was bin ich denn schon für ein Journalist", schrieb er mir in einem Brief, als er mir das einzige erreichbare tschechische Exemplar seines in der Tschechoslowakei längst vergriffenen Buches leihweise übersandte, "dieser allwöchentliche Backstein vorgeschriebener Minuten, der am Montag noch an einem Bindfaden hängt und am Mittwoch an einem vermoderten Haar, ist etwas, woran ich mich wohl bis an mein Lebensende nicht gewöhnen werde; das Gefühl zu haben, man könne doch noch etwas anderes tun, und auch, daß man zu Ende führen könnte, was man während der vergangenen zwanzig Jahre daheim nicht schaffen durfte, ist eine Angelegenheit der seelischen Hygiene, eine Verteidigung gegen die Schwermut und schließlich und endlich auch etwas, womit sich erklären und rechtfertigen läßt, daß man hier im Lande lebt."

Jedličkas "Polizisten-Poetik" ist wohl der Poetik von Fellinis Film "8 1/2" am nächsten verwandt. Sie verbindet die äußere und innere Realität zu einer komplexen Wirklichkeit, die Beweiskraft eines kraß verzeichneten Fakts mit der Überzeugungskraft einer hundertmal durchdachten und tausendfach durchlittenen Analyse, jede Tatsache mit der Elle des eigenen Erlebnisses messend. "... Und das, was ich sage, sage ich so schwer, daß meine Hände voller Schwielen sind", gesteht er in seinem Buch. Jedlicka ist ein Zeuge, zu dem sich jedes Gericht beglückwünschen könnte. Er selber prüft ständig die sachliche Richtigkeit seiner Aussage und seine eigene Glaubwürdigkeit.