Bad Honnef

Nein, die Vernissage fand nicht in Bad Honnef statt, dem linksrheinischen Städtchen, wo "bewaldete Höhen" vor "rauhen, kalten Winden" schützen und "der Rheinstrom" für "ausgeglichene Temperaturen" sorgt. Aber in Bad Honnef wurde sie vorbereitet: die erste öffentliche Schüler-Pop-Ausstellung.

Von dem, was sich im rheinischen Landesmuseum in Bonn ereignete, streifte die Honnefer allenfalls ein Luftzug. Den wenigen Eltern, die nach Bonn kamen, um einer der üblichen Ausstellungseröffnungen beizuwohnen, mag es ähnlich ergangen sein wie dem Direktor des Honnefer Siebengebirgsgymnasiums, in dem die meisten der ausgestellten Objekte und Bilder gefertigt wurden. Er fühlte sich unter malerisch gekleidetem und jugendlichem Vernissage-Publikum bei Beat-Musik "als Erwachsener" und "im guten Anzug einigermaßen deplaciert". Ein leichter Vorwurf klingt in seiner Stimme: Eine Veranstaltung des Bonner Kunstvereins habe er sich anders vorgestellt.

"Pop Art in der Schule" – ein wenig irritiert stehen die drei grauhaarigen Damen auf ihrem Streifzug durch das Rheinische Landesmuseum im dritten Stockwerk plötzlich vor einem überebensgroßen drallen Minimädchen, das Gemeinschaftswerk in Lack und Plaka auf Preßspan von sechs Quartanern, betrachten dann neugierig ein farbstarkes Arrangement gelackter Bierdeckel, begeistern sich an den rhythmischen Strukturen benagelter Bretter und Wurzeln ("Was man so alles machen kann!") und entschwinden wieder in einen Raum voller romantischer Landschaftsgemälde. Die elf- bis zwanzigjährigen Aussteller, allesamt Schüler des Honnefer Jungengymnasiums, haben im Kollektiv oder im Alleingang die rund 90 Bilder und Objekte geschaffen, von denen sich einige durchaus neben dem in Bonner Galerien Gebotenen sehen lassen könnten. So die Objekte des 17jährigen Ralf Firmenich, die "Popping eyes watching you" des 16jährigen Ulrich Hohmann, die Arbeiten des 19jährigen Helmut Osang oder das "umfunktionierte Motorrad" des zwanzig Jahre alten Bernd Middel.

Pop als Reflexion über das Selbstverständliche: An der Entstehung des Minimädchens sucht Ingo Dussa (34), Kunsterzieher am Honnefer Gymnasium und Initiator dieser Ausstellung, zu erklären, welche Vorurteile es zu überwinden galt, ehe die Schüler der Unterstufe eine weibliche Figur als ein ebenso selbstverständliches Modell akzeptierten wie den männlichen Körper. Das Minimädchen, anfangs eher ein minirocktragender Junge, nahm erst nach und nach und unter viel Gekicher weibliche Gestalt an. In seinem Bemühen, "die Barrieren vor dem Weiblichen" in dieser Jungenschule zu überwinden, steht der Kunsterzieher allerdings allein. Der Direktor vertritt die Auffassung, daß die Schule ein Raum bleiben müsse frei von Sex und Sexualaufklärung, um die "Phantasie der von Sex bedrängten Jugendlichen" nicht noch weiter "anzuregen".

Dussa, der eine neue Konzeption der Kunsterziehung in dieser Kleinstadt-Schule realisierte, der die Gruppenarbeit forciert und grundsätzlich mehrere Themen und formale Lösungen zur Auswahl stellt, hatte seinerzeit die Möglichkeiten wahrgenommen, die ihm durch eine große leerstehende Villa neben dem Schulgebäude geboten wurden. Hier entstanden die ersten transportablen Objekte und Malflächen, die allein schon in ihren Ausmaßen eine Absage an den "leidigen Zeichenblock-Unterricht" erteilten. Ein gemeinsamer Besuch der 4. documenta verhalf dem Pop im Unterricht zum Durchbruch. "Pop war das Schlagwort, das an unserer Schule neue Aktionen ins Leben rief" (Dussa). Und Pop wurde, so scheint es, Kommunikationsmittel und Kommunikationsform für jene Schüler, die bewußt Anschluß suchen an das, was außerhalb ihres industriefernen idyllischen Kur- und Beamtenwohnortes geschieht. Marion Schreiber