Nach neuesten Schätzungen wuchsen die Militärausgaben aller Nationen zwischen 1962 und 1967 um 50 Prozent von 120 Milliarden auf 182 Milliarden Dollar. Es bedarf keiner gewagten Projektion, wenn man für das Jahr 1970 das Überschreiten der 200-Milliarden-Schwelle voraussagt. Die Militärausgaben belaufen sich auf zirka sieben Prozent des gesamten Weltbruttosozialprodukts, sie sind 40 Prozent höher als die Weltausgaben für Erziehung, und sie überschreiten um das Dreifache die Weltausgaben für öffentliche Wohlfahrt.

Grobe Schätzungen haben ergeben, daß seit 1900 mehr als vier Billionen für Kriege und militärische Rüstungen auf der Welt ausgegeben wurden. Dieser Gesamtbetrag wird sich in den kommenden zwanzig Jahren verdoppeln, wenn die gegenwärtige Höhe der Militärausgaben aufrechterhalten bleibt. Sollte jedoch die jüngste höhere Wachstumsrate der Militärausgaben bestimmend bleiben, so werden sich die genannten vier Billionen der vergangenen siebzig Jahre schon in ungefähr zehn Jahren, also bis etwa 1980, verdoppelt haben.

Während es in den Jahren vor 1964 so aussah, als wollten die Großmächte den Rüstungswettlauf eindämmen, ist seither ein rasanter Aufschwung in den Rüstungsausgaben zu verzeichnen. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Rüstung und Krieg waren 1967 um dreißig Prozent höher als 1964; sie betrugen im Durchschnitt 53 statt früher 41 Dollar pro Kopf der Weltbevölkerung. Wenn man die weltweite Inflation mitberücksichtigt, so ist immer noch ein 23prozentiges Anwachsen insgesamt und ein 16prozentiges Anwachsen pro Kopf zu beobachten.

Man muß solche und ähnliche Daten vor Augen haben, will man das Junktim von Rüstung und Hunger begreifen, das heute die Weltpolitik bestimmt. Ohne weltweite Rüstungsbeschränkungen wird sich dieses Junktim nicht auflösen lassen. Doch ohne den Sieg der in der amerikanischen Innenpolitik wachsenden Opposition gegen die neuen, phantastisch teuren strategischen Waffensysteme der siebziger Jahre wird der internationale Dialog über Rüstungskontrollen zur puren Farce und nur jenen hilfreich sein, die seinen Fehlschlag heute schon prophezeien. Wobei nur zu hoffen ist, daß sich auch in der Sowjetunion, über deren interne Rivalitäten wir immer noch wenig Verläßliches wissen, progressive Kräfte durchzusetzen imstande sind.

Von 2,3 Milliarden Menschen in der Dritten Welt, fast 70 Prozent der gesamten Erdbevölkerung, hungern oder verhungern 20 Prozent, weil sie zu wenig zu essen haben. 60 Prozent leiden an Fehlernährung, weil ihrer Nahrung wichtige Bestandteile wie Vitamine, Mineralstoffe und besonders Eiweiße fehlen. Die vorliegende Studie:

Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (Hrsg): "Welternährungskrise oder Ist eine Hungerkatastrophe unausweichlich?"; Rowohlt Taschenbuch-Verlag, rororo-aktuell 1147; Reinbek bei Hamburg 1969; 123 Seiten, 2,20 DM der diese Daten entnommen sind, nennt drei Gründe, warum diese Menschen hungern müssen: erstens eine Unterproduktion von Nahrungsmitteln; zweitens erhebliche Einkommensunterschiede, die eine gleichmäßige Verteilung der verfügbaren Nahrungsmittel verhindern, und drittens überholte Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen, die die Gesamtentwicklung verzögern.

In dem Bericht, der für die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler von einer interdisziplinären Forschungsgruppe ausgearbeitet wurde, wird darüber aus politischer, soziologischer, ernährungswissenschaftlicher und bevölkerungspolitischer Perspektive diskutiert. Die Studie zeichnet sich aus durch eine klare Formulierung der Probleme und eine glückliche Mischung von wissenschaftlicher Analyse und praktischen Empfehlungen.

Angesichts der Dringlichkeit dieser Probleme und des wenig entwickelten öffentlichen Bewußtseins über kommende weltpolitische Konflikte ist zu hoffen, daß dieses preiswerte Taschenbuch auch in Schulen verbreitet wird, zumal es leicht lesbar ist. So können Wissenschaftler politische Aufklärung anregen. Dieter Senghaas