Wer nach dem 1. August seinen Führerschein gemacht hat, weiß, wie man einen Unfallverletzten birgt und lagert, wie man Blut stillt und Verbrennungen oder Knochenbrüche versorgt und was man tun muß bei Atemstillstand und Schock. Ein Kursus von drei Doppelstunden in "Sofortmaßnahmen am Unfallort" ist in der Straßenverkehrszulassungsordnung jetzt jedem Führerscheinbewerber vorgeschrieben. Das Rote Kreuz, die Samariter, Johanniter und die Malteser haben es übernommen, die Fahrprüflinge – jährlich etwa anderthalb Millionen – in den Grundkenntnissen der Versorgung von Unfallverletzten zu unterrichten.

Die Teilnahme an einem dieser Kurzkurse ist nicht für jedermann so streng verbindlich, wie es scheint: Wer zum erstenmal den Führerschein beantragt, muß nur nachweisen, daß er Unterricht in Hilfsmaßnahmen hatte, gleichgültig wann. "Ob jetzt noch Hilfssanitäter aus dem Zweiten Weltkrieg kommen, die einen Führerschein haben wollen" – so der Sprecher einesMinisteriums – "ist fraglich; aber wenn sie kommen, dann wird ihre alte Ausbildung anerkannt." Und ein DRK-Referent bestätigt, daß "verschiedene Leute" nun um Kopien alter Kursusbescheinigungen bitten: "Das reicht manchmal bis in die vierziger Jahre zurück."

Immerhin, das sind Leute, die früher freiwillig etwas Nützliches und Hilfreiches gelernt haben. Aber bei realistischer Betrachtungsweise – müßten nicht gerade sie den Kursus erst recht noch einmal machen wollen? Denn alle Bescheinigungen ersetzen nicht die geübte Fähigkeit, bei Gefahr und in Not einem anderen wirklich helfen zu können.

Kann man noch helfen mit dem, was man vor vielen Jahren einmal gelernt hat? Verlernt man das nicht? Gibt es da keine Änderungen in Methoden, nichts Neues? Hätte man nicht doch ins Gesetz schreiben sollen: "Der Nachweis darf höchstens drei Jahre alt sein."

Und dann? Müßte nicht erst recht von allen Neulingen eine Wiederholungsprüfung in drei Jahren verlangt werden, damit die Ausbildung ihren Sinn behält? Hat sie überhaupt einen Sinn, wenn der Ausgebildete ohnehin im statistischen Durchschnitt nur etwa alle 30 Jahre Gelegenheit haben wird, einem Verletzten zu helfen?

Die neuen Vorschriften werfen alte Fragen wieder auf. Der Bundesarzt des DRK, Professor Dr. med. Rudolf Frey, hofft, daß die Kurse "nicht nur dem Buchstaben des Gesetzes nach, sondern auch dem Sinn nach mit Sorgfalt und Hingabe durchgeführt" werden.

Die elf einhalb Millionen PKW-Fahrer in der Bundesrepublik werden in absehbarer Zeit kaum gezwungen werden, können, einen Hilfekursus zu absolvieren. Nur jene hunderttausend, die jährlich die Fahrerlaubnis verlieren, werden sich auf die Schulbank setzen müssen. Wer nämlich nach dem Entzug der Fahrerlaubnis künftig wieder einen Führerschein beantragt, gilt als "Bewerber" und muß den Kursus machen.

Lag diese Konsequenz im Sinne der Erfinder: Erste Hilfe quasi als Nebenstrafe? Logischer und der guten Sache dienlicher wäre die Bestimmung, daß der Kursus nach Führerscheinentzug nur dann verlangt wird, wenn er auch schon beim ersten Erwerb des Fahrpapiers vorgeschrieben war. Gerhard Hölther