Selten ist bei einer Bundestagswahl so viel Prominenz auf der Strecke geblieben wie bei der Entscheidung am Sonntag. Klangvolle Namen nennt die Liste derjenigen, die in ihrem Wahlkreis nicht direkt gewählt wurden. Dennoch wird man auf die meisten prominenten Verlierer auch im nächsten Bundestag nicht verzichten müssen – sie waren durch gute Plätze auf den Landeslisten ihrer Parteien abgesichert.

Größtes Aufsehen erregte das Schicksal des Bundesverteidigungsministers und Spitzenkandidaten der CDU in Nordrhein-Westfalen, Gerhard Schröder. Der dienstälteste Bonner Minister mußte sich in seinem Stammwahlkreis Düsseldorf-Mettmann dem Sozialdemokraten und DGB-Vorstandsmitglied Georg Neemann geschlagen geben. Ähnlich erging es Familienminister Aenne Brauksiepe, die ihren Kölner Wahlkreis verlor, und Arbeitsminister Katzer, der SPD-Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Wischnewski seinen Wahlkreis Köln I nicht abringen konnte. Die größte Überraschung in Köln schaffte jedoch Katharina Focke. Die bisherige Landtagsabgeordnete gewann entgegen vielen Voraussagen für sich einen Sitz und für die SPD 11 000 Stimmen hinzu. Auch im Wahlkreis Siegen/Wittgenstein ist seit Sonntagnacht „Sayn oder Nicht-Sayn“ für die SPD nicht mehr die Frage – Botho Prinz zu Sayn-Wittgenstein mußte seinen Sitz an den Sozialdemokraten Hermann Schmidt abgeben.

Weniger erfolgreich war ein prominenterer Sozialdemokrat: Bundesminister Lauritzen konnte im Wahlkreis Plön dem Landwirt Friedrich Karl Storm (CDU das Mandat nicht streitig machen. Keil Glück hatte auch der zur CDU über getretene Präsident des Bundesvertriebe nenverbandes Reinhold Rehs. Er unter lag im Wahlkreis 29 (Verden), obwoh seine Partei dort fast 6 Prozent mehr Zweitstimmen erhielt als die SPD.

Besonderes Interesse fand die Wahlent Scheidung im ehemaligen Adenauer Wahlkreis Bonn. Der aus der Union aus geschlossene, ehemalige CDU-Oberbür germeister der Bundeshauptstadt, Wilhelm Daniels, erhielt als unabhängige Kandidat nur 20,1 Prozent der Erststimmen. Mit knappem Vorsprang sicherte sich Johannes Aloisius Hausei das Mandat vor seinem SPD-Rivalen.

Verspätet, aber deutlich revanchierte sich Kurt Georg Kiesinger für die in Berlin beim CDU-Bundesparteitag empfangene Ohrfeige. Er schlug Beate Klarsfeld. In seinem Wahlkreis Waldshut ließ der Kanzler der ADF-Kandidatin nur 644 Stimmen.

Offensichtlich ein Opfer seines Namen; wurde der CDU-Kandidat. und Chefredakteur der katholischen „Saarbrücker Landeszeitung“, Franz Lorenz von Thadden, im Wahlkreis Saarbrücken. Anmerkungen auf den Stimmzetteln deuteten darauf hin, daß er von zahlreichen Wählern mit dem Bundesvorsitzenden der Nationaldemokraten verwechselt wurde. Dennoch wird der Bundestag nicht auf einen von Thadden verzichten müssen – der christdemokratische Neffe des NPD-Vorsitzenden zieht über die Landesliste in das Parlament ein.