Von Liselott Diem

Eine Szene im besten Hotel von Eugene/Oregon: Das junge Paar setzt sich auf den Teppich. Beide mit langen Haaren, ausgefransten Hosen, schlaksig, lässig, aber natürlich-entspannt und reizvoll in ihrer "informal art of living", der höchst unkonventionellen und unproblematischen Kunst, ihr Leben zu leben. Diese Hippies sind Außenseiter auch auf dem Campus, sie übernehmen nur ungern Verpflichtungen.

Man begegnet ihnen überall. Mit nacktem Oberkörper geht der Student in die Mensa zum Essen. Auf den Treppen des Instituts für Leibesübungen findet der Wärter sie schlafend, wenn sie auf ihren Wanderfahrten sonst kein Quartier fanden. Auf dem Sportplatz weigern sie sich, Fußball zu spielen oder zu boxen.

Auch der politisch engagierte SDS, die Students for a Democratic Society, ist auf dem Campus eine Minderheit. Sie rufen zum Widerstand gegen Privilegien, gegen die Arroganz gewisser Professoren auf, sie kritisieren Vorlesungen und Prüfungen. Ihr Mißbehagen gegen Schema und Norm, gegen Unterdrückung und Gewalt wird von der Mehrheit der amerikanischen Studenten geteilt. Vielleicht ist aus dieser Haltung auch mancher Wandel im Sportleben zu erklären. Zur Überraschung der amerikanischen Sportlehrer zeigten die letzten Untersuchungen, daß die Individual- und Dual-Sportarten gegenüber den Teamsports an Beliebtheit gewannen. Der alle Glaube, daß Teamsport zugleich zum Teamgeist im Leben erzieht, ist geschwunden.

Am populärsten sind die Wassersportarten Schwimmen, Kanusport (Boating), Fischen, Wasserskilaufen. Mehr und mehr gewinnt auch die Leichtathletik Freunde, auch unter den Frauen, die bis vor wenigen Jahren noch an den Universitäten keinen Leichtathletikunterricht erhielten. Auch das Geräte- und Bodenturnen wird endlich wieder gepflegt; moderne Methoden für das Schulturnen werden erarbeitet.

Das Sportangebot auf dem Campus ist je nach dem Standard der Universität umfangreicher, als wir es je kennenlernten. In Yale reicht es vom Tennisplatz bis zur Golfanlage, vom Großstadion für American Football oder Baseball bis zur Indoor-Zuschaueranlage für Basketball; dazu gibt es Dutzende von Kleinhallen für Wandhandball oder Squash, Ruderanlagen und eine Polo-Trainingsanlage mit einem Holzpferd.

Der Campus bietet den Sport nicht nur den Studenten, sondern allen Mitgliedern der Verwaltung, ihren Familien und vor allem auch den Kindern. Die zahlreichen Schwimmschulen für Kinder sind vorbildlich. Trainer Bill Bowerman in Eugene ist stolz auf seinen Sportkindergarten. Die Fünf- und Sechsjährigen sprinten und springen in den sechs Wochen Sommerferien. Nach der Meinung Bowermans werden auch Olympische Siege in Zukunft nicht in den amerikanischen Universitäten vorbereitet, sondern in den Schulen, vor allem in den "lower age groups".Dieses Programm wird mit Unterstützung der Eltern aufgebaut. Die Erfolge der amerikanischen Schwimmer beruhen darauf; in der Leichtathletik wird sich das gleiche vollziehen.

Sport gehört zum Studentenleben; nur wenige schließen sich davon aus. An über 190 Hochschulen wird Leibeserziehung gelehrt, 47 davon erteilen Promotionen. Studienaufbau und Prüfungszulassung richten sich nach den erworbenen Credits. Für wissenschaftliche Übungen gilt der Maßstab: ein Credit bei 15 Semesterwochenstunden, die Seminar-Klausurarbeit oder sogar eine Hausarbeit eingerechnet. Bei den sportpraktischen Stunden muß dagegen mehr abgeleistet werden – zum Beispiel 45 Semesterwochenstunden für den Schwimmunterricht, um ein Credit zu erhalten.