Am 1. Oktober 1949 rief Mao Tse-tung in Peking die Volksrepublik China aus. In den zwanzig Jahren, die seither vergangen sind, hat sich die politische Landschaft in Asien so gewaltig verändert, wie es sich damals auch die kühnsten Träumer nicht hätten vorstellen können: China ist in die Reihe der Atommächte eingetreten, und der ideologische Konflikt zwischen Moskau und Peking hat sich dermaßen zugespitzt, daß ein Atomkrieg zwischen Russen und Chinesen zu den Möglichkeiten der kommenden Jahrzehnte gerechnet werden muß. Über einen pikanten Hintergrund des Aufstiegs Chinas zur Weltmacht handelt ein neues Buch, das M. Y. Cho heute zusammen mit einer Betrachtung über die sowjetischen und chinesischen Militärdoktrinen vorstellt. Die Redaktion

Ein hoher Beamter der nationalchinesischen Regierung hat mir einmal in Taipei gesagt: "Als Nationalist hasse ich das kommunistische Regime Mao Tse-tungs, aber als Chinese bin ich stolz auf die Fähigkeit des chinesischen Volkes, eine Atombombe zu bauen." In dem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Buch

William L. Ryan & Sara Summerlin: "Die chinesische Wolke – Hintergründe einer amerikanischen Tragödie"; aus dem Amerikanischen übertragen von Ulla Leippe; Christian Wegner Verlag, Hamburg 1969; 280 S., 20,– DM

erfährt nun der Leser das Schicksal des brillanten chinesischen Atomphysikers Tsien Hsue-shen, ohne dessen Hilfe die Volksrepublik China nicht so rasch vorangekommen wäre. Der Exodus des Mr. Tsien aus Amerika, einem der Hunderte chinesischer Wissenschaftler, die in den Vereinigten Staaten gelebt und geforscht haben, erweist sich als die bestürzende Konsequenz der antikommunistischen Hysterie, die von Senator McCarthy in den fünfziger Jahren entfesselt wurde.

China ist zwar aus eigener Kraft in den Besitz von Atombomben gelangt, hätte aber ohne die Vorleistung amerikanischer Wissenschaftler und die Mithilfe der Russen nicht in einer so kurzen Zeitspanne zur Nuklearmacht werden können. Bereits vor dem Kriegsende waren viele Chinesen an den amerikanischen Hochschulen von Pasadena bis Cambridge, von Princeton bis Berkeley als hervorragende Fachleute bekannt. Die meisten von ihnen, die mit sogenannten Boxer-Stipendien (Entschädigungen aus dem Boxer-Aufstand) in Amerika studiert hatten, blieben zunächst noch dort, als China 1949 kommunistisch wurde. Tsien entschloß sich, amerikanischer Staatsbürger zu werden und ging als Professor für Düsenantriebswesen nach Kalifornien. Sein besonderes Interesse galt den Möglichkeiten des Atomantriebs.

Tsien und andere hochqualifizierte chinesische Wissenschaftler hätten Amerika wohl kaum verlassen und für das kommunistische Regime in China gearbeitet, wären sie nicht durch die Hexenjagd McCarthys vertrieben worden. Ryan und Summerlin übersehen dabei keineswegs, daß der Stolz der Chinesen und ihre Heimatverbundenheit den Entschluß zur Auswanderung erleichterten. Zu einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten in Korea gegen China kämpften, bedeutete die Tätigkeit chinesischer Wissenschaftler in Schlüsselpositionen der Rüstungsforschung allerdings ein Sicherheitsrisiko, das der Geheimdienst nicht ignorieren konnte. Man braucht sich dabei nur an den Zweiten Weltkrieg zu erinnern, als Tausende von harmlosen Japanern amerikanischer Staatsangehörigkeit in kalifornischen Konzentrationslagern interniert wurden.

Die Reportage der beiden Journalisten von der Associated Press wirft die Frage auf, wie groß eigentlich das Sicherheitsrisiko ist, das eingewanderte Wissenschaftler für ein hochindustrialisiertes Land darstellen? Besonders die Deutschen, deren Wissenschaftler in Großbritannien und Amerika einen entscheidenden Initialbeitrag zur Atomforschung geleistet haben und von denen auch heute noch eine nicht geringe Anzahl in die Vereinigten Staaten auswandert, mag dieses Buch nachdenklich stimmen.