Bonn

Die Politiker hatten das Schlimmste befürchtet. Aus dem Bundesinnenministerium hieß es, man wisse von weitverzweigten Vorbereitungen zur massiven Störung des Wahlkampfes. Die Innenminister der Länder berieten wiederholt darüber, wie man sich am besten wappnen könne. Für die sogenannte heiße Phase der Kampagne im September erhielt die Polizei eine kategorische Urlaubssperre. Gelegentlich tauchte die Vermutung auf, daß notfalls auch der Bundesgrenzschutz eingesetzt werden solle. Und Helmut Schmidt sorgte sich sogar, daß zur Bilanz der Auseinandersetzung nicht weniger als dreißig Tote gehören konnten. Die Erinnerung an die Saalschlachten in der Weimarer Republik ging um.

Aber die Schatten der Vergangenheit sind unnötig beschworen worden. Der mit einer Mischung aus Furcht und finsterer Entschlossenheit zur Abwehr erwartete "Anti-Wahlkampf" der außerparlamentarischen Opposition und anderer extremer Gruppen ist ausgeblieben. Der Feldzug der radikalen Linken gegen das kandierende und wählende Establishment hat sich auf eine Kette unzusammenhängender Aktionen mit sehr unterschiedlichem Erfolg beschränkt.

Oft dienten ihre Störtrupps den Wahlkämpfern nur als willkommenes Objekt des Spotts oder der Aggression: Kurt Georg Kiesinger begrüßte sie als seine getreuen Wahlhelfer, Franz Josef Strauß benutzte sie als Anlaß zur Kraftmeierei und als Mittel, den Saal zum Sieden zu bringen. Und selbst bei den Demonstrationen gegen die NPD, die oft Tausende von Menschen auf die Beine brachten, konnte die Polizei böse Zusammenstöße in aller Regel verhindern; die blutige Schlägerei in Frankfurt und die Schüsse in Kassel waren die einzigen Ausnahmen und zugleich die schlimmsten Zwischenfälle des Wahlkampfs.

Die im "Lagezentrum" des Bundesinnenministeriums zur Markierung der Störmanöver angebrachte Karte der Bundesrepublik ist zu keiner Zeit von Stecknadelköpfen übersät gewesen. Hinzu kommt, daß der Begriff "Störung" relativ ist: darunter lassen sich ebenso die Anwendung brachialer Gewalt wie harmlose Zwischenrufe oder Pfeifkonzerte rechnen, und meistens war es ins Ermessen der lokalen Polizei gestellt, was sie als Störung ansehen und den vorgesetzten Behörden melden wollte und was nicht.

Das heißt nicht, daß die Versuche, Krawall und Unruhe zu stiften, von vornherein matt gewesen wären und, je weiter der Wahlkampf fortschritt, desto mehr nachgelassen hätten. Häufig ging man darauf aus, die Versammlungen zu sprengen und die Redner nicht zu Wort kommen zu lassen; im September mehrten sich die Zwischenfälle und konzentrierten sich zugleich auf Nordrhein-Westfalen und Bayern. Ebenso registrierte das Lagezentrum einen gewissen "Lernprozeß": die Organisation der Störungen verbesserte sich.

Dennoch gab es nur vier Fälle, in denen die Demonstranten ihr Ziel erreichen konnten: in Stuttgart und Bietigheim wurde Kiesinger niedergeschrien, in Aachen und Kiel mußte Strauß auf seine Rede verzichten. Gegen Ende des Wahlkampfs war auch von der Gefahr seiner "Brutalisierung" die Rede: Die Störer, so hieß es, deckten sich zunehmend mit Schlagringen, Schreckpistolen und anderem ein. Doch auch diese Sorge erwies sich als unbegründet: von wiederholt verwendeten Stinkbomben’ und Feuerwerkskörpern abgesehen, ist nur einmal der Versuch gemacht worden, die politische Auseinandersetzung mit Säurespritzen zu denaturieren.