Einige Unterschiede im bisherigen sowjetischen Presseecho auf die Bundestagswahlen deuten darauf hin, daß hinter den Kulissen ein stilles Ringen zweier rivalisierender Kräftegruppen um die sowjetische Deutschlandpolitik im Gange ist. Die Zeitung Trud zum Beispiel, Gewerkschaftsblatt und Hausorgan des Politbüro-Mitglieds Scheljepin, ist auch nach den Wahlen unerschütterlich auf die Ultrarechte in der Bundesrepublik fixiert. Sie schrieb nach den Wahlen: Das Scheitern der NPD bedeute nicht, daß „die rechte Gefahr verschwunden oder verringert“ sei.

Auch die Prawda mochte von vorgefaßten Erwartungen – wie sie der stellvertretende Ministerpräsident Poljanskij gegenüber einer ADF-Delegation formuliert hatte: „Wir sind auf Böses gefaßt“ – nicht Abschied nehmen. Noch am Morgen nach den Wahlen placierte sie auf der ersten Seite eine Karikatur, auf der eine Kompanie der Bundeswehr für die NPD an die Wahlurnen kommandiert wird. Das augenfällige Gegenstück dazu lieferte noch am gleichen Abend die Regierungszeitung Iswestija. Ebenfalls in einer Karikatur ließ sie einen Mann mit einem NPD-Banner vor der Fünf-Prozent-Schwelle auf die Nase fallen, ein verlorengegangener Knobelbecher wirbelt durch die Luft. Auch TASS schrieb von einem Sieg der demokratischen Kräfte.

Die Niederlage der ADF wird von den sowjetischen Zeitungen mit der Bemerkung kaschiert, unter dem Druck der reaktionären Kräfte hätte sie die Fünf-Prozent-Grenze nicht überschreiten können. Zur gestärkten Position der SPD heißt es in Moskau, ihre realistischere Einstellung zur europäischen Sicherheit habe sich in einem Stimmenzuwachs niedergeschlagen.

Ein Kabinett Willy Brandt würde nach Meinung dieser Gesprächspartner den Atomsperrvertrag unterzeichnen und einer europäischen Sicherheitskonferenz aufgeschlossener gegenüberstehen als eine neue Große Koalition unter Kiesinger.

Die Neuorientierung gegenüber Bonn begann schon vor der Wahl. Sie ergab sich aus den Notwendigkeiten der sowjetischen Europapolitik und ist nicht davon abhängig, welche Koalition in Bonn gebildet wird. Aber um die Methodik wird zwischen zwei Gruppen gerungen.

Die eine Gruppe hat erkannt, daß die undifferenzierte Polemik gegen die Bundesrepublik die NPD nur begünstigt hat. Diese Gruppe, stark in der Wirtschaft und im Außenministerium, ist deshalb für die Verbesserung der Kontakte zu einer „breiten demokratischen und fortschrittlichen Öffentlichkeit“ in der Bundesrepublik. Sie nimmt die mögliche Konsequenz in Kauf, daß die Sowjetunion entgegen den Wünschen Ostberlins ausgerechnet zu einem Kabinett des Sozialdemokraten Brandt ein besseres Verhältnis fände. Die andere Gruppe möchte die Bundesrepublik als Propagandaschreck – „Hort des Revanchismus und des Militarismus“ – nicht preisgeben. Sie wirkt bremsend. Ulrich Schiller