Hinter der ganz außergewöhnlichen Anteilnahme am Ausgang der deutschen Wahlen hatte wochenlang nichts als die Furcht gesteckt, in den Bundestag (und damit in den Europarat und andere internationale Gremien) könne eine Partei einziehen, die man um so mehr verabscheut, als sie ja an britische Versäumnisse wie an deutsche Verbrechen gleichermaßen erinnert. Die Furcht hat sich nicht bestätigt; was blieb, war die Anteilnahme. So haben wir es der NPD zu verdanken, wenn die britischen Leser und Fernsehzuschauer umfangreicher denn je über die deutsche Wahl informiert wurden.

Jahrelang hatte sich Fleet Street für deutsche Kanzler-Wahlen kaum interessiert. Nach Adenauer wurde es dann abwechslungsreicher, aber erst die NPD brachte Schlagzeilen. Landtagswahl auf Landtagswahl las man, sie habe acht oder zehn Prozent errungen. Die übrigen 90 Prozent blieben in vagem Dunkel. Jetzt wurde die deutsche Wahlbühne zum erstenmal richtig ausgeleuchtet, wenn an sich auch nur für den Auftritt eines neuen Bösewichts, doch da der verhindert wurde und die Bühne gefüllt werden mußte, bekam das Publikum endlich einmal die Hauptakteure zu sehen: die Millionen Wähler. Der Beifall konnte nicht ausbleiben.

Natürlich war die Furcht vor einer NPD im Bonner Parlament auch zu erklären durch den riesigen Schatten, den sie auf die Kulisse der neuen deutschen Bedeutung in Europa geworfen hatte. Daß die D-Mark das Schicksal des Pfundes bestimmen kann, und daß der deutsche Finanzminister derjenige Mann ist, den man noch am ehesten dicht bei den Vorstellungen einer entschlossenen Rechtspartei ansiedelt, ja, dem mancher eine künftige Koalition mit der NPD zutrauen mochte, das hatte den britischen Lebensnerv unmittelbar an das Bonner Wahlresultat angeschlossen.

Der Fortgang der Bonner Politik ist nun nur noch eine Frage der Präferenzen und hat mit Furcht und Schrecken nichts mehr zu tun. Die Präferenz gilt natürlich kaum Kiesinger, denn mehr als von ihm erhofft man sich von Brandt aktive Unterstützung bei der Erweiterung der EWG und unterschätzt vielleicht dessen Wunsch nach guten Beziehungen zu Paris. Die sich abzeichnende Links-Koalition stößt nicht nur auf unmittelbare Sympathien bei der derzeit herrschenden Labourregierung, sie befriedigt darüber hinaus das tiefverwurzelte britische Denken, das die zwanzigjährige Herrschaft einer Partei für mehr als genug hält. Karl Heinz Wocker