Die Aufmerksamkeit, mit der Frankreich die Bundestagswahl verfolgt hat, war größer als je zuvor. Das demokratische Reifezeugnis, das durchweg alle Kommentatoren dem deutschen Wähler ausstellen, wird deshalb wohl nachhaltig ins Bewußtsein dringen. Es stützt sich darauf, daß der NPD der Zutritt zum Parlament versperrt wurde und die Verteilung der Stimmen auf die großen Parteien eine weitgehende Stabilität der Wählermeinung und den Willen zu soliden politischen Fundamenten erkennen läßt.

Daß die CDU, die seit zwanzig Jahren regiert, Einbußen erlitten hat und vielleicht gezwungen wird, die Entschlackungskur der Opposition durchzumachen, wird von den meisten Kommentatoren schon aus Gründen der französischen Parteientwicklung nicht als bedenklich angesehen. Doch steht außer Frage, daß schon knapp fünf Prozent für die NPD eine höchst unfreundliche Reaktion hervorgerufen hätten. Der eigenen Interessen wegen sieht man das Auseinanderbrechen der Großen Koalition nicht ohne Sorge. Nach den goldenen Jahren der Ära Adenauer erwies sich diese Konstellation immerhin für die französische Politik als besonders günstig, weil sie die Rücksichtnahme auf Frankreich und auf die Fortentwicklung der deutsch-französischen Zusammenarbeit zur gemeinsamen Sache der beiden großen Parteien machte. Man fürchtet, daß eine solche Einstellung in die innerpolitische Zerreißprobe kommt, wenn so oder so eine kleine Koalition in Bonn regieren sollte.

Beim Gespann Kiesinger-Brandt verließ man sich auf den Kanzler, wenn es darum ging, den englischen Vorstoß zum Gemeinsamen Markt zu zügeln, und auf den Außenminister, wenn es um eine beweglichere Ostpolitik ging. Je nach dem Ausgang der Regierungsbildung fürchtet man nun bei Brandt eine zu stürmische Annäherung an England und bei Kiesinger eine Verhärtung der deutschen Ostpolitik. Darüber hinaus meint man, daß die schmale Basis, die jede kleine Koalition bieten würde, mit einem Element der Unsicherheit und der Lähmung in der deutschen Europa-Politik verbunden ist.

Das Tauziehen um die Währungspolitik sieht man mit dem Übergang auf die freien Wechselkurse praktisch als weitgehend beendet an. Man hofft nur, daß die Übergangszeit bis zur Festsetzung neuer fester Paritäten kurz bleibt. In jedem Fall erwartet man im eigenen Interesse die neue Parität zu einem höheren Mark-Kurs. Zu Recht oder Unrecht geht man in Regierungskreisen davon aus, daß Kiesingers Sträuben gegenüber der Aufwertung auch wahlpolitische Gründe hatte, die nun entfallen; der NPD sollten keine bäuerlichen Wähler zugetrieben werden. Ernst Weisenfeld