Sudbury: Sozialprobleme einer kanadischen Pionierstadt

Von Dorothea Vincent

Der Weltmarktpreis in Nickel ist seit Mitte Juli 1969 rapide gestiegen; denn in Sudbury wird gestreikt. Sudbury liegt in der kanadischen Provinz Ontario und hat 85 000 Einwohner. Die Stadt ist auf Felsen gebaut; unter den Felsen befinden sich riesige Bergwerke, in denen Metalle aller Art gefördert werden. Eines der Hauptprodukte ist Nickel; die "International Nickel Company of Canada Ltd." in Copper Cliff, einem industriellen Vorort von Sudbury, gilt als der größte Nickelproduzent der Erde.

Die unmittelbare Umgebung von Sudbury mit ihren runden nackten Felsen wirkt kahl und fahl. Die Stadt selber ist häßlich; sie wurde hektisch und planlos aufgebaut, nachdem der Schmied Tom Flanagan im Jahre 1883 die ersten Metallvorkommen entdeckt hatte. Wohnhäuser, Hotels und Geschäftsbauten sehen vernachlässigt aus, als warteten sie täglich auf Abbruch. Im Grunde genommen tun sie das auch. Ein ganzes Stadtviertel ist schon niedergerissen worden, um neuen Bauten Platz zu machen. Bürgermeister Fabbro, Sohn italienischer Einwanderer, schätzt, daß der Neuaufbau der Innenstadt im Herbst nächsten Jahres beendet ist.

Ich lernte Bob Powers, einen typischen Sudbury-Bürger, kennen. Der ehemalige Fischerjunge aus Neufundland hat nur sechs Schuljahre absolviert. Als er es leid war, Fische zu fangen, ging er mit seiner Mutter nach Sudbury und fand bei der "International Nickel Company of Canada Ltd.", kurz INCO genannt, Arbeit am Schmelzofen; das ist jetzt fünf Jahre her. Er brachte keine speziellen Kenntnisse mit, nur die Gesundheit seiner jungen Jahre und den Willen, Dollars zu machen. Heute fährt er einen neuen Chrysler; er bewohnte mit seiner Mutter bis vor kurzem eine einigermaßen komfortable Wohnung und reist in seinem Urlaub in die USA.

So wie er kamen und kommen viele junge Männer nach Sudbury, einer Stadt, in der Ungelernte verhältnismäßig viel Geld verdienen können. Diese Männer leben in Hotels, in den sogenannten "Rooming Houses", zur Untermiete also, und in den Ledigenheimen. Am Abend sausen sie mit ihren Wagen durch die Straßen der Stadt. Bremsen quietschen. Blech kracht; alte Leute laufen erschreckt über die Straßen, weil die Ampeln ihre Signale zu schnell wechseln. Die jungen Männer fahren ohne Ziel um die Häuserblocks. Sie fahren um denselben Block noch einmal herum und dann noch einmal.

Ihre Augen sind oft nicht auf das Steuer des Wagens gerichtet, sie starren meist auf die Beine vorübergehender Mädchen. Sudbury hat nämlich ein Problem. Das Problem ist der Mangel an ledigen Mädchen und Frauen. Bürgermeister Fabbro kann zwar an Hand der amtlichen Bevölkerungsstatistik nachweisen, daß kein nennenswertes zahlenmäßiges Mißverhältnis zwischen den Geschlechtern besteht. Auf 5,645 unverheiratete Männer im Alter von 25 bis 34 Jahren kommen 5,317 unverheiratete Frauen gleichen Alters. Diese Zahlen gelten aber nur für das eigentliche Stadtgebiet und berücksichtigen nicht die Ledigenheime der Männer, die sich sozusagen vor den Toren der Stadt befinden. Diese Männer kommen abends und am Wochenende in die Stadt, um sich zu amüsieren. Sie sitzen dann beispielsweise in einer der vielen Bierbars und starren auf eine Strip-tease-Tänzerin, die sich mit nicht sehr raffinierten, aber direkten Gebärden bewegt. Die Viermannkapelle veranstaltet einen ohrenbetäubenden Krach. Die Männer trinken noch mehr Bier, und manche fangen an, sich zu hauen. Weshalb sie das tun, wissen sie oft selber nicht. Diejenigen, die es wissen, steuern auf die wenigen älteren Frauen zu, die an einzelnen Tischen sitzen und deren harte Züge durch gedämpftes Licht gemildert werden.