Karl Gerstner ist Mitinhaber der Basler Werbeagentur Gerstner, Gredinger + Kutter, deren Düsseldorfer Niederlassung er leitet. Er zählt zu denjenigen Werbefachleuten, die über ihr eigenes Tun kritisch reflektieren. Eine Gelegenheit mehr hierzu bot sich ihm erst jüngst durch einen Vortrag, den er auf Einladung des Bundesministers für Wohnungsbau und Städtebau aus Anlaß der Eröffnung einer Ausstellung "Plakate für Veranstaltungen" in Bonn gehalten hat.

Werbung zu machen ist heute nicht nur ein wirtschaftliches, sondern vor allen: auch ein intellektuelles Risiko. Man steht, wie es in der Sprache des SDS heißen würde, als Verber im Dienst und im Sold eines ausbeuterischen Produktionsmonopols.

Ich muß mir als "geheimer Verführer" den Vorwurf anhören, daß ich den Konsumtenor des Spät- oder Neokapitalismus, indem wir zu leben das Vergnügen oder Mißvergnügen haben, mit meinem Tun unterstütze.

Es ist in der Tat kaum zu glauben, -welcher Sprache und welcher Ausdrucksmittel sich ansonsten vernünftige Menschen bedienen, um mit dem "Weißen Riesen" Waschmittel, mit dem "Duft der großen weiten Welt" Zigaretten und mit dem "Söhnlein von Söhnlein" Sekt zu propagieren.

Problematischer noch als für diese Markenartikel der Konsumgüterindustrie ist es, für Veranstaltungen der Bewußtseinsindustrie zu werben. Während der Markenartikel ein ehrliches Instrument zur Steuerung unseres Konsumverhaltens ist, werden wir durch die Manipulationen des "Kulturestablishments" über die Unwirdigkeit gerade dieses Verhaltens hinweggetäuscht: mit Beethoven, Dürrenmatt und Op-art. Denn welchen anderen Zweck verfolgen – nach Herbert Marcuse – Konzerte, Theater, Ausstellungen, der ganze affirmative Kulturbetrieb, als den, den wahren Zustand nicht nur unserer geistigen und seelischen Verfassung, sondern auch unserer materiellen Existenz im wörtlichen Sinn zu beschönigen?

Und gerade darin, daß das Establishment auch Kritik gegen sich toleriert, daß es das Living Theater gewähren läßt und einen Autor wie Cohn-Bendit verlegt, zeigt sich sein Zynismus: es macht aus Kritik und aus der Aufforderung zur Revolution käufliche Ware – die zu allem Überfluß noch mittels Plakaten propagiert wird.

Dies ist kein Geständnis. Ich gebe vielmehr die Vorwürfe wieder, die ich (oft genug) gegenüber der Werbung zu hören bekomme.