Goebbels und Ulbricht als Bundesgenossen auf einer Versammlung, ich glaube, da haben Sie einen Scherz gemacht“, schrieb uns ein Leser. Gemeint war unser Kommentar zu dem berühmten Bild aus dem Saalbau Friedrichshain („Der unterschlagene Goebbels“, ZEIT Nr. 38/1969). Nein, wir hatten nicht gescherzt, wir hatten uns geirrt. Und da vor uns auch schon andere demselben Irrtum aufgesessen sind und da sich solche Irrtümer wie eine unausrottbare Krankheit von Generation zu Generation weitervererben, soll hier aus Gründen der historischen Wahrheit und der Fairneß klargestellt werden, daß in der Tat Ulbricht nicht mit Goebbels an einem Tisch gesessen, sondern auf demselben Podium gegen ihn agitiert hat.

Insofern hatte Neues Deutschland recht, als es am 30. August dieses Bild mit der Unterschrift versah: „Zwei Jahre vor dem Machtantritt des Faschismus prangert Walter Ulbricht im Saalbau Friedrichshain die Nazipartei als Kriegspartei des Faschismus an.“ Freilich war es nur die halbe Wahrheit, wie noch zu zeigen sein wird.

Wir hingegen hatten, gestützt auf verschiedene Quellen, behauptet, das Bild „sei auf einer Kundgebung anläßlich des von NSDAP und KPD gemeinsam betriebenen Volksbegehrens gegen die sozialdemokratische Regierung in Preußen“ entstanden. Dem Irrtum leistet bereits der Begleittext Vorschub, mit dem der Ullstein-Bilderdienst dieses Photo verbreitet: „Der Kommunist Ulbricht im Saalbau Friedrichshain, 1931; (links vorn Kopf in der Hand) Goebbels, rechts davor: der Stettiner Nationalsozialist Schulz als Zuhörer.“

Das liest sich so friedlich, wie es aussieht. Da die nationalsozialistische Kampagne gegen die preußischen Sozialdemokraten im Sommer desselben Jahres auf Geheiß Stalins von den Kommunisten hatte unterstützt werden müssen und Ulbricht die Direktiven aus Moskau rascher und bedenkenloser befolgt hatte als der Parteiführer Thälmann selber, lag der Kurzschluß nahe. Was es mit dem Bilde wirklich auf sich hat, teilte uns jetzt ein Augenzeuge jener Versammlung, der Schweizer Publizist Fritz René Allemann, mit:

„Die Veranstaltung im Saalbau Friedrichshain, auf der das Photo gemacht wurde, war keineswegs, wie Ihr Text vermuten läßt, eine gemeinsame Kundgebung von KPD und NSDAP, sondern eine (von der NSDAP einberufene) kontradiktorische Versammlung, die der Auseinandersetzung zwischen Rechts- und Linksradikalen dienen sollte und an der die Nazis Ulbricht eine gewisse Redezeit eingeräumt hatten. Der Versuch einer Diskussion, die alles andere als freundschaftlich geführt wurde, endete, sobald Goebbels im Anschluß an Ulbricht das Wort ergriffen hatte, mit einer blutigen Saalschlacht zwischen den Anhängern beider Parteien.

Ich kann das deshalb bezeugen, weil mir das Ereignis, dem ich als angehender Journalist beiwohnte, aus einem Grund unvergessen geblieben ist: Der Zufall brachte es mit sich, daß ich in dem überfüllten Saal genau dort saß, wo die geschlossenen Heerhaufen der Kommunisten und der Nazis aufeinandertrafen. Als die Gegner mit geübtem Griff die Stühle entzweitraten, um mit den Stuhlbeinen als Keulen aufeinander einzuschlagen, sah ich mich unversehens im Mittelpunkt des wilden Knäuels. Zu meinem Glück dauerte der Kampf nur ganz kurz, weil die Polizei sogleich eingriff und Braune wie Rote mit Gummiknüppeln zusammenhieb, so daß die eben noch ineinander verbissenen Widersacher vereint in gleicher Panik den Ausgängen zustürzten.“

Über die Versammlung am 23. Januar 1931 berichtete das KPD-Zentralorgan Rote Fahne unter der Schlagzeile „Unser Sieg! – Goebbels’ Niederlage! Der Führer der Berliner Kommunisten, Genosse Ulbricht, schlägt Goebbels im Saalbau Friedrichshain“. Damals galt bei der KPD noch die Parole „Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!“ Sie versuchten, mit einem Massenaufgebot von Anhängern, die Versammlungen der Nazis zu sprengen, bezogen freilich allzuoft selber Prügel von den SA-Saalordnern. Außerdem hielt es die KPD für die richtige Taktik, den Nazis, denen seit Beginn der Wirtschaftskrise Hunderttausende von Arbeitslosen zuströmten, mit nationalistischen Parolen das Wasser abzugraben. Im August 1930 beschloß das ZK ein Programm „zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ („Wir werden den räuberischen Versailler ‚Friedensvertrag‘ und den Young-Plan, der Deutschland knechtet, zerreißen, werden alle internationalen Schulden und Reparationszahlungen annullieren ... Nieder mit Faschismus und Sozialdemokratie!“).