München, Anfang Oktober

Während sich Brandt und Scheel noch in der Wahlnacht trafen, um ihr Bündnis zu besprechen, steckten in München FDP-Funktionäre die Köpfe zusammen, um dieses Bündnis zu torpedieren. Bei der Wahl-Party in den Redaktionsräumen des Münchner Merkur stimmte, als Spitzenfrondeur der bayerischen FDP, Bundestagsabgeordneter Josef Ertl die Gemüter gegen Walter Scheels „gefährlichen Linkskurs“ ein. Mit von der Partie war sein Fraktionskollege, der ehemalige Finanzminister Starke.

Mit Argumenten, die sich schon wenige Stunden später als unrealistisch erwiesen, verfocht Ertl die These, daß das Gerede von der SPDFDP-Koalition überholt sei. In Wirklichkeit habe sich Scheel schon mit Kiesinger geeinigt. Der konservative FDP-Bezirksrat Artur Werner erhöhte den Einsatz. Telegraphisch forderte er Scheel zum Rücktritt auf.

Schon zwei Tage später aber, am Dienstag vormittag, sah sich die bayerische FDP-Führung zu der Erklärung veranlaßt, man werde sich jedem Machtwechsel-Beschluß der Mehrheit beugen. FDP-Landesgeschäftsführer Brand bekannte: „Wir können von Bayern aus keine Mehrheiten verhindern. Wir gehen nicht immer mit dem Bundesvorstand konform, aber wir werden eine Einigung finden.“

Bayerns FDP ist gespalten. Seit Jahren besetzt der nationalkonservative Flügel alle wichtigen Parteiämter. Der progressive Flügel hatte nie die Chance zu einem liberalen Machtwechsel. Bei Vorstandswahlen stimmten stets ganze Belegschaften nationalgesinnter kleiner FDP-Unternehmer für den alten konservativen Kurs.

Nun droht der bayerischen FDP die politische Isolation. Entweder verharrt die Partei, die seit der letzten Landtagswahl nicht mehr im Landtag vertreten ist, auf nationalem Kurs; dann stünde sie zum erstenmal in schroffem Gegensatz zur Bundespartei und zum Bundesvorstand. Oder aber sie läßt neue Männer an die Spitze. Dann könnte sie die nächsten Landtagswahlen im November 1970 erfolgreicher überstehen als vor drei Jahren.

Zwischen den aufstrebenden Progressiven, die nur im neuen Parteikurs eine Chance sehen, und den Bonner Parlaments-Vertretern der bayerischen FDP wird es eines Tages zum Machtkampf kommen. Die Rebellen Ertl, Haas und Starke, die heute noch Parteidisziplin zu üben gewillt sind, könnten ihre Niederlage mit einem Parteiwechsel quittieren. Haas, ehemals Landesvorsitzender und bayerischer Justizminister, ist ein gemäßigter Konservativer; ihm würde ein solcher Schritt noch am schwersten fallen. Starke dagegen und Josef Ertl, der in seiner Partei einmal eine Rechtsaußen-Gruppe anführte (Hildegard Hamm-Brücher: „Dichter als dicht bei der NPD“), würden ihre neue politische Heimat leichter finden. Thilo von Uslar