Von Dieter E. Zimmer

Ausführlich berichteten wir in unserer vorigen Ausgabe über die Krise im Rowohlt Verlag, die ausbrach, als entdeckt wurde, daß der Verlag drei seiner Titel dem Bundesverteidigungsministerium zur Verfügung gestellt hatte, welches sie per Ballon und Rakete auf das Gebiet der DDR beförderte – die aber in dieser Schärfe nur ausbrechen konnte, weil ältere Spannungen im Verlag bestanden, die unter anderem mit der Aporie zusammenhängen, daß kapitalistische und „patriarchalisch“ geführte Firmen Literatur revolutionär-sozialistischen Inhalts verbreiten. Es wurde vorgeführt: die Eskalation einer Krise, bei der alle Beteiligten sich einigermaßen kopflos verhielten und aus der der Rowohlt Verlag nur als ein anderer hervorgehen kann.

Unter anderem wurde festgestellt, daß weder der Verlagschef Heinrich Ledig-Rowohlt noch sein Adjutant Fritz J. Raddatz über die Einzelheiten der Bundeswehraufträge informiert waren und es versäumt hatten, sich über diese Einzelheiten ausreichend zu informieren; daß sie sie jedoch in Übereinstimmung mit zwei weiteren der fünf Geschäftsführer auf der Stelle stornierten, als sie sich über die Einzelheiten klarwurden. Über das genaue Ausmaß, in dem Raddatz Bescheid wußte, liegen uns höchst widersprüchliche Aussagen vor. Er gab uns die folgende Erklärung dazu ab:

„Ich habe nie die jetzt zur Debatte stehende Unternehmung des Rowohlt Verlages gutgeheißen‘, weder im Falle Ginsburg 1967 noch im Falle Selucky 1969; meine ‚Billigung‘ Ledig-Rowohlt gegenüber bezog sich nämlich auf die vermeintliche Abnahme einer Teilauflage der originalen Rowohlt-Bücher. Gegen eine solche Lieferung von Titeln der Rowohlt-Produktion, gleichgültig an wen, hätte und habe ich keine Bedenken. Es war mir aber unbekannt: a) der genaue Abnehmer der Bücher; b) die Art der Herstellung; c) die Art der Verteilung.

Das Protokoll einer Geschäftsführersitzung vom 26. 8. 69 erhärtet diesen Tatbestand. Es ist von allen Rowohlt-Geschäftsführern ohne Einwände unterzeichnet, mit Ausnahme von Herrn Hintermeier. Außerdem liegt das Tonband einer mehrstündigen Aufsichtsrats- und Geschäftsführersitzung vom 10.9.69 vor, das dasselbe fixiert.“

Der Krise vorläufige konkrete Ergebnisse: Der Vertriebschef und Geschäftsführer Karl Hans Hintermeier, der die Bundeswehraufträge angenommen und bearbeitet hatte, scheidet aus dem Verlag aus. Der Verlagsredakteur Nikolaus Neumann, der die Sonderausgaben „entdeckt“ hatte, kündigte als erster; es kündigte dann ebenfalls der Lektor Hermann Piwitt. Gekündigt wurde dem Lektor Bernt Richter, der gegen den Willen der Geschäftsführung und des Betriebsrats eine außerordentliche Belegschaftsversammlung einberufen hatte. Die zunächst festen Pläne, seine Anteile an dem Verlag baldmöglichst zu verkaufen und sich zurückzuziehen, hat Heinrich Ledig-Rowohlt vorerst zurückgestellt. Die Versuche, das infolge der ganzen Affäre ramponierte Vertrauensverhältnis zwischen Ledig und Raddatz wiederherzustellen und auch politisch eine Basis für die weitere Zusammenarbeit zu schaffen, scheinen gescheitert: Anfang dieser Woche sah es so aus, als würde Raddatz aus dem Verlag höchstwahrscheinlich ausscheiden. Mehrere Rowohlt-Autoren, die in ihm eher als in Ledig ihren intellektuellen Partner gesehen haben, die nun die linke Verlagsmannschaft dezimiert und die linke, nicht nur die linksradikale Verlagsprogrammatik gefährdet sehen, würden vermutlich mit ihm den Verlag verlassen. Die Zukunft des Verlags bleibt also völlig offen: Einen Lektoratschef von der Tüchtigkeit eines Raddatz jedenfalls wird Ledig schwerlich wiederfinden.

Wenn er es nicht mit dem jetzigen Scherbenhaufen bewenden lassen will, hätte die Verlagsleitung als nächstes die künftige politische Linie zu definieren (die meiner Meinung nach nur konsequent linksreformistisch sein könnte), das Lektorat zu stärken und ihm ein Modell für eine wirksame qualifizierte Mitbestimmung in der Geschäftsführung anzubieten. Laviert worden ist jetzt gerade genug.