Als die Berliner Festwochen 1950/51 konzipiert wurden, sollten sie vor allem dazu dienen, Berlin kulturell für das zu entschädigen, was die Stadt auch auf diesem Gebiet mit der verlorenen Hauptstadtrolle eingebüßt hatte. Anders als andere Festspiele muß und kann man die Berliner Festwochen, die zur Zeit wieder für drei Wochen stattfinden, nur verstehen, wenn man sich klarmacht, daß sie vor allem eine politische Funktion haben. Zusammen mit den Filmfestspielen, dem Berliner Theaterwettbewerb, den Jazztagen sollen sie Berlins kulturellen Anspruch unterstreichen.

Walter Schmieding, der neue Leiter der Berliner Festwochen, hat in diesem Jahr darauf verzichtet, die Festwochen unter eine Leitidee zu stellen. Diesem Verzicht war in den letzten Jahren schon die Einsicht vorausgegangen, daß sich die vielen verschiedenen Beiträge nur gewaltsam und oberflächlich auf einen Nenner bringen lassen. Natürlich droht dann die andere Gefahr, daß das Programm diffus und zufällig wirkt: eine Anhäufung von Premieren, Konzerten und Veranstaltungen, die nur das Etikett Festwochen mühsam vereint. Anders als in den 50er Jahren veranstalten inzwischen viele Städte Festspiele. Die großen Regisseure, die großen Namen tauchen bei den Berliner Festwochen ebenso auf wie bei ähnlichen Veranstaltungen in anderen großen Städten.

Der Festwochen-Direktor verfügt über einen Etat von rund einer Million. Das ist im Verhältnis zu den Haushalten der drei großen Berliner Institutionen Schiller-Theater, Deutsche Oper und Philharmonisches Orchester wenig. Auf die Programme dieser drei Institute hat der Festwochen-Direktor eigentlich nur eine Einflußmöglichkeit: die des guten Zuredens. Während er die kleineren Theater durch finanzielle Zuwendungen für seine Programme gewinnen kann, während er im Rahmen seiner Mittel Gastspiele nach Berlin zu holen in der Lage ist, gehorchen das Schiller-Theater oder die Deutsche Oper vorwiegend der Eigengesetzlichkeit ihrer großen Apparate.

Schmieding weiß auch, daß die Zeitumstände nicht gerade das begünstigen, was man mit dem Begriff Festwochen verbindet, also Gala, Glanz, „großer Bahnhof“. Eine Chance der Festwochen sieht ihr Leiter vor allem darin, daß in Berlin zwischen den vielen Bühnen (keine andere Stadt hat eine ähnliche Menge von Theatern) eine Art kontrapunktischer Ergänzungswettbewerb stattfinden könnte. Als Beispiel nannte Schmieding die Möglichkeit, daß die Berliner Bühnen etwa Revolutionsdramen zu den Festwochen aufführen könnten. Die aufgegebene „Leitidee“ für Festwochen könnte so auf das Schauspiel und die Beiträge der Berliner Bühnen reduziert wiederkehren.

Schmieding weiß sehr wohl, daß das in den 50er Jahren aus einer besonderen Situation entstandene Festspielkonzept heute nicht mehr gleich gültig ist, eben weil sich die Situation verändert hat. Er weiß auch, daß es eine Illusion wäre, von den Festspielen den kulturellen Brückenschlag zwischen Ost und West zu erwarten, bevor ihn politische Entscheidungen vorbereitet haben. Die Berliner Realitäten können vom Theater bestenfalls gespiegelt werden, aber nicht geändert. Die Zeit hochfliegender Illusionen und trotziger Dennoch-Reaktionen ist auch für die Festwochen längst vorbei. Hellmuth Karasek