Da alles Zureden, alles Hinweisen auf die Vernunft nicht halfen, den jungen Mann von seiner entsetzlichen Schüchternheit und seinen nervösen Spannungen zu befreien, versuchte es eine ihm befreundete Familie mit Alkohol, Tabak, heißen Bädern, mit Stärkungs- und Beruhigungsmitteln. Auch das half nicht – schüchtern blieb er sein Leben lang, und immer wieder kam es zu sogenannten "nervösen Anfällen", bei denen er regelmäßig ohnmächtig wurde. Aber wenn die Therapie auch eigentlich nichts änderte, zumindest nicht grundsätzlich, hat er sich doch so sehr an sie gewöhnt, daß er sie immer beibehielt. Er rauchte unentwegt, trank sehr viel, nahm übermäßig heiße und lange Bäder (dabei stets die Pfeife im Mund und seine Post lesend) und schluckte Unmengen von Brompräparaten.

Da er auch im Essen unmäßig war, wurde er immer dicker und schwerfälliger. Das aufgedunsene Gesicht und der mächtige Bauch des Mittvierzigers ließen nichts mehr ahnen von jener Schönheit, die ihm in jungen Jahren manchmal überraschende Komplimente eingebracht hatte. Als der über ein Meter achtzig große, schlanke Jüngling, der sein blondes Haar schulterlang trug, eines Abends mit seiner jüngeren Schwester das Theater betrat, wurde ihnen spontan Beifall geklatscht.

Verhältnismäßig früh ging ihm das Haar aus, das Gesicht rötete sich, die Augen bekamen Tränensäcke, und die Frau eines Kollegen sagte: "Er war nicht eben bäurisch, aber doch recht gewöhnlich anzusehen..." Auf Frauen hat er kaum gewirkt, zumal er ihnen gegenüber ganz besonders schüchtern blieb. Wohl deswegen (und vielleicht weil er seine Mutter über alles liebte und sich nur bei ihr behütet fühlte) hat er nicht geheiratet.

Obwohl er sehr zurückgezogen lebte und wegen seiner ständig wachsenden Empfindlichkeit manchmal monatelang Haus und Garten nicht verließ, legte er größten Wert darauf, stets gepflegt (ja geradezu dandyhaft) angezogen zu sein. Immer duftete er nach Eau de Cologne, und wenn er sich an den Schreibtisch setzte – er arbeitete meistens nachts, von zehn Uhr abends bis vier Uhr früh –, dann nie ohne Spitzenmanschetten angelegt zu haben. Auf eine gewisse "vornehme Weise", die er auch in seinen Arbeiten anstrebte, wollte er nicht verzichten. Wenn indessen Freunde ihn zum Essen einluden, in ein Restaurant, mußte dafür gesorgt sein, daß in einem Nebenraum serviert wurde; beim Essen, über das er mit gierigem Heißhunger herfiel, waren ihm Frack und Lackschuhe eine solche Qual, daß er sie vorher auszog.

Ebenso war er in Gesprächen mit den Freunden nicht gar so vornehm. Es heißt, er habe sich nicht fünf Minuten lang unterhalten können, ohne daß er Wörter wie "Arsch" oder "Scheiße" anbringen mußte. Und die Notizen für seine Arbeiten wimmeln von obszönen Ausdrücken. Auf Gesellschaften, die er ja allerdings nur selten besuchte, war er schwerfällig, linkisch, gelegentlich von gekünstelter, derber Fröhlichkeit. "Man fand", schrieb einer seiner jüngeren Kollegen, "er habe den Humor eines Handelsvertreters."

Obgleich er von zu Hause – sein Vater war Chirurg – finanziell gut gestellt war und bald eigenes Geld hinzuverdiente, war er die letzten Jahre seines Lebens auf die Hilfe von Freunden angewiesen. Er hatte sein gesamtes Vermögen seiner Nichte und deren Mann vermacht, um sie vor einem drohenden Konkurs zu retten. (Der Mann seiner Nichte hatte bei der Heirat nicht angeben können, wer seine Eltern waren; später stellte sich heraus, daß er aus einer Henkerfamilie stammte.)

Vier Jahre nach dem Verlust seines Vermögens ist er, achtundfünfzigjährig, gestorben – vermutlich infolge einer Gehirnembolie. Manche redeten von Selbstmord. Vielleicht weil er in den letzten Jahren immer unglücklicher geworden war. Vielleicht auch, weil er anderthalb Jahrzehnte zuvor geschildert hatte, wie jemand – es war eine Frau – sich aus Verzweiflung durch Gift das Leben nahm ...