Eine der tristesten Begleiterscheinungen des Älterwerdens ist es, daß immer mehr Weggenossen auf der Strecke bleiben. Wir erleben es bei dieser Zeitung nun zum viertenmal: Erst Paul Bourdin, dann Ernst Lewalter, dann Paul Hühnerfeld, danach lange Jahre keiner, und jetzt Johannes Jacobi.

Vor wenigen Wochen erst war er heimlich sechzig geworden, das freute ihn gar nicht, er hätte auch gut noch als Fünfziger durchgehen können. Er fühlte sich noch jung, er war nicht krank, und am Freitagmorgen war er plötzlich tot.

Von uns heutigen Feuilleton-Redakteuren war noch keiner bei der ZEIT, als Johannes Jacobi zum Theaterkritiker dieser Zeitung berufen wurde, was er über zwanzig Jahre blieb. Zwanzig lange und bewegte Jahre, in denen sich vieles änderte – beim Theater wie in der ZEIT-Redaktion.

Wir haben ihn während dieser Jahre als einen immer liebenswürdigen, immer verständnisvollen Kollegen kennengelernt, immer bereit auch, Jüngeren den Vortritt zu lassen, die andere Vorstellungen von der Bühne hatten als er, dem die Bretter noch immer die Welt bedeuteten.

Seine Kenntnisse, auch dessen, was "hinter den Kulissen" des Theaters vorgeht, waren enorm. Er war auf den großen Festspielen ebenso zu Hause wie bei den kleinen Theatern, die seine kritische Unterstützung zu schätzen wußten. Woche für Woche – und das ein Leben lang – im Theater: das mußte zu souveräner Sicherheit führen, wobei natürlich nicht ausbleiben konnte, daß da manche Richtungen, manche Strömungen nicht in Jacobis Konzept paßten, weil er sich stets zu gut war, seine einmal gewonnenen Überzeugungen für das, was "up to date" war, über Bord zu werfen.

Die Frau, die ihn tot aufgefunden hatte, verständigte uns. Sie sagte: "Er ist eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht. Er weiß noch gar nicht, daß er tot ist." Sagte einer von uns: "Ein schöner Tod." Sagte ein anderer: "Kein Tod ist schön."

Hellmuth Karasek/Rudolf Walter Leonhardt