Nürnberg

Das St.-Heinrichs-Blatt, Kirchenzeitung für das Erzbistum Bamberg, ist ein Schmuckkästchen. Aber wenn gutgläubige Katholiken es aufmachen, liegt ein häßlicher Knallfrosch darin, der ihnen zischend um die Beine springt. Der Knallfrosch heißt "Christlicher Beobachter" und ist eine Beilage des Diözesanblattes, die vom Nürnberger Johann-Christian-Sailer-Verlag, einem ökumenisch orientierten Anhängsel der Sebaldus-Druck- – und Verlag GmbH hergestellt wird. Anders als in Würzburg, wo ein mißliebiger Volontär des "Katholischen Sonntagsblattes" auf unangenehm spektakuläre Art und Weise zur Ordnung gerufen werden mußte, weil er Straußens APO-Tierfabel kritisiert hatte, haben die Eigner des St.-Heinrichs-Blattes eine relativ elegante Methode gefunden, um aus dem vermeintlichen APO-Blatt "Christlicher Beobachter" wieder ein apo-stolisches zu machen: Der Direktor und geistliche Leiter des kircheneigenen St.-Otto-Verlages zu Bamberg, Domkapitular Prälat Prof. Dr. Sigmund Freiherr von Pölnitz, kündigte dem Sailer-Verlag die Lieferrechte für das Heinrichsblatt und entzog ihm damit gleichzeitig die Basis für die CB-Beilage.

Der St.-Otto-Verlag gibt auch das in letzter Zeit häufig zitierte "Bamberger Volksblatt" heraus, das Strauß bei seinen Tiraden gegen die APO anläßlich des Ebracher "Knast-Camps" im Landkreis Bamberg erfolgreich zu übertrumpfen suchte. Daß der mißliebige "Christliche Beobachter" (CB) immer noch an Diaspora-Katholiken ausgeliefert wird, liegt nur daran, daß die beiden Verlage sich bisher noch nicht über eine Abfindungssumme einigen konnten. Ein Sprecher des Sailer-Verlags: "Die dachten, sie bekommen alles umsonst."

Wie man unter Brüdern, unter christlichen zumal, den Partner handelswillig stimmen kann, demonstrierte in den letzten Wochen eindrucksvoll der erzbischöfliche Otto-Verlag. Entgegen einer vertraglichen Vereinbarung aus dem Jahre 1947 teilte von Pölnitz im Heinrichsblatt (Auflage: 80 000) den Lesern mit: "Ihr könnt das St.-Heinrichs-Blatt sehr wohl auch ohne den CB beziehen." Der CB (Auflage: 13 000) im Inneren des Blattes konterte prompt: "Es fragt sich, ob der ,Geschäftsführer‘ Rechtens vertreten kann, was der ‚Geistliche Leiter‘ glaubt empfehlen zu müssen." Die Pfarrer freilich verstanden den Wink des Hirten-Vertreters: Sie empfahlen nun die Abbestellung des CB von der Kanzel herab. Im August 1969 bestellte der Guardian des Klosters St. Ludwig in Nürnberg, Pater Tilmann Lenker, mit "Grüß Gott" und "Franziskanischem Gruß" sämtliche CB-Exemplare ab: "Die Geduld ist erschöpft! Es wäre unverantwortlich, die vom CB betriebene Destruktion weiter mit zu finanzieren."

DerDestrukteur heißt Dieter Stoll, ist 24 Jahre alt und verantwortlicher Redakteur des "Christlichen Beobachters". Nach einem Programm, das für die offiziellen Katholiken Bambergs ganz offensichtlich untragbar ist, gestaltet er wöchentlich sechs bis acht Seiten. Stoll: "Wir wollen keine katholische Bäckerblume machen, sondern alle Fragen so selbstverständlich kritisch untersuchen, wie es jede normale außerkirchliche Presse auch tut. Wenn sich die Leser mit einem angeschnittenen Thema beschäftigen – und sei es schimpfend – haben wir unser Ziel erreicht. Erbaulich, wenn das gefragt sein sollte, sind wir freilich nicht." Da muß es braven Kirchgängern unglaublich erscheinen, daß sich dieser Mann, der vom Essener Katholikentag "starke Impulse" erhielt, sich noch als "guten Katholiken" bezeichnen mag. Zuviel mußten sie in den letzten Monaten über sich ergehen lassen, wenn Stoll immer wieder kontroverse Themen aufgriff und sie mit dem Anspruch auf innerliche Diskussionen behandelte. Zwei typische Beispiele:

Als der St.-Otto-Verlag zum 22. Male das Bamberger er Diözesangebetbuch "Lobt den Herrn" aus dem Jahre 1935 unverändert auflegte, warf der CB dem Verlag Spekulation auf einen "Gruselerfolg" des 100 000-Mark-Objektes vor und brandmarkte unter der Überschrift "Ach wie muß das Feuer quälen" Phrasen und Pathos, Amtsdeutsch, Kitsch und repressive Horroreffekte des bambergischen Vademekums. Vom allzu süßen Jesus, von der Inflation des Adjektivs heilig und den "Heeresdienstvorschriften" im Gebetbuch distanzierte sich auch Professor Dr. Paul Hastenteufel, Vorsitzender des Diözesanrates: Aus Protest gegen die Neuauflage des "eingemotteten Seelentrösters", über die er vom Verlag mit einer gegenteiligen Erklärung hinweggetäuscht worden war, trat er von seinem Amt zurück. Während das Mantelblatt des Bistums den Hastenteufel-Rücktritt verharmloste, ja den Vorsitzenden des Diözesanrates als Alleinschuldigen der Krise im Laien-Katholizismus hinstellte, brachte der CB mit der Überschrift "Jagdszenen aus Oberfranken" eine Zusammenstellung der Ereignisse. Prompt wurde nun unter dem Stichwort "Neuordnung der Kirchenpresse in Nürnberg" die Liquidierung des CB ins Auge gefaßt.

Mag man das als innerkirchliche Auseinandersetzung betrachten – an jenem schmalen, aber innigen Band, das die katholische Kirche, zumal im Erzbistum Bamberg, mit der Welt verbindet, ist das ganze Dilemma der katholischen Presse zu ermessen. Den letzten und nicht unwesentlichen Treffer erhielt die CB-Redaktion, als sie es wagte, in einem Bericht zur Bundestagswahl neben dem Nürnberger CSU-Kandidaten Dr. Oscar Schneider auch noch Käte Strobel (SPD) und Dr. Walter Riedl (FDP) den Lesern in Wort und Bild vorzustellen. Erregte sich – neben kirchlichen Würdenträgern – die Mutter des Fritz Pirkl: "Ist denn dieser Mann von allen guten Geistern verlassen, daß er uns eine Kandidatin der SPD wie Käte Strobel anbietet?... Und so was kommt dann anscheinend unzensiert bis zum Leser, der entsetzt sein ‚christliches Blatt‘ am liebsten sofort in die Mülltonne werfen möchte... Unsere guten christlichen Politiker mühen sich seit Wochen Werktag und Sonntag, die Wähler aufzuklären, um unser schönes, neuerstandenes Deutschland mit Kiesinger und Strauß an der Spitze auch für weitere Generationen in Frieden zu erhalten."

Da der Sailer-Verlag, in dessen Besitz der Titel der aufmüpfigen Christenpostille verbleiben wird, an einer Weiterführung des Blattes in eigener Regie nicht interessiert ist, wird der "Christliche Beobachter" nach dem Willen des hoch würdigen Herrn Erzbischofs wohl nichts als eine böse Erinnerung bleiben. Allerdings ist dem weltlichen Sprachrohr des Otto-Verlags, dem "Bamberger Volksblatt", das gleiche Schicksal beschieden: Das schwarze Blatt, seit Jahren hoffnungslos in den roten Zahlen versunken, soll zu Beginn des nächsten Jahres sein Erscheinen einstellen. Reiner Weiß