Von Wilhelm Honig

Ein Jahr nach dem 21. August 1968 wurde in der mittelslowakischen Stadt Banská Bystrica des „Slowakischen Nationalaufstandes“ vor 25 Jahren gedacht. Zum erstenmal war es den Slowaken gestattet, diesen Tag als „slowakischen Nationalfeiertag“ zu begehen; zum erstenmal wurde von den Delegationen aus allen sozialistischen Ländern Osteuropas Dr. Gustav Husák, zur Zeit erster Sekretär der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei, einer der führenden Köpfe jenes Aufstandes, gefeiert. Eine verdiente Ehrung, denn zweifellos ist es auch Husák zu verdanken, daß ein einziges Programmziel der Prager Reformer gerettet werden konnte: die Umwandlung der zentralistischen, von Prag aus geleiteten Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik in eine föderative Republik der Tschechen und Slowaken.

Die anderen weitausgreifenden Ziele der Reformer, so der Wille, einen „humanen Sozialismus“ einzuführen, wurden dieser Tage nach Auflösung der Föderationsregierungen als ideologische Abweichung liquidiert. Für die profiliertesten Reformer bereitet man nun ein politisches Staatsbegräbnis vor. Welchen Weg Staat, Gesellschaft und die führende Partei der Tschechoslowakei jedoch auch einschlagen sollten: die Umwandlung der Republik in eine Föderation, in der die Slowaken selbständig und gleichberechtigt neben den Tschechen stehen, ist eine Zäsur, ein Wendepunkt in der verworrenen und verwirrenden Geschichte dieses Staates. Sie wird Dauer haben.

Die Kenntnisse über unseren unmittelbaren Nachbarn im Osten waren hierzulande stets unterentwickelt. Zwar fehlte es nicht an Publikationen. Doch sie waren überlagert von den Untersuchungen über die Rolle der Deutschen innerhalb der „Böhmischen Zitadelle“. Die Tschechoslowaken sehen darin nur vergebliche Versuche der Rechtfertigung in einem endgültig abgeschlossenen historischen Kapitel. Zum erstenmal hat jetzt ein deutscher Historiker in der Slowakei selbst Quellenforschung betrieben:

Wolfgang Venohr: „Aufstand für die Tschechoslowakei. Der slowakische Freiheitskampf von 1944“; Christian Wegner-Verlag, Hamburg 1969; 372 S., 25,– DM.

Venohr hatte erkannt, wie entscheidend für die Entwicklung der slowakischen Nation der Nationalaufstand gegen die Deutschen im August 1944 gewesen ist. Er wußte, daß man hier ansetzen mußte, wollte man die späteren Ereignisse verstehen und verständlich machen.

Von keinerlei Ressentiments belastet machte Venohr, ein Berliner, den ungewöhnlichen Versuch, die junge Geschichte eines kleinen Staates auf- und nachzuzeichnen, dem 1939 unfreiwillig von Hitler das aufgedrängt worden war, was das slowakische Volk schon immer erträumt hatte: die nationale Selbständigkeit. Mehr noch: Hitler erzwang die Loslösung von dem tschechischen Brudervolk und die Verwandlung in einen Satelliten unter einer klerikal-faschistoiden Halbdiktatur (die allerdings relativ mild war).