Das Börsenrätsel um die Berliner Schultheiss-Brauerei AG ist gelöst: Die ungewöhnlichen Kursgewinne in den letzten Monaten wurden durch Aufkäufe der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank in München ausgelöst. Die Bayern sicherten sich mehr als ein Viertel des 36 Millionen Mark betragenden Schultheiss-Aktienkapitals. Zum erstenmal hat die Brauerei einen Großaktionär.

Noch ist unbekannt, welche Konzeption die Bayern dazu brachte, sich in Berlin einzukaufen. Die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank war bisher nur an bayerischen Brauereien – insgesamt zwölf – beteiligt.

Der Bank-Vorstand hatte in der Vergangenheit keinen Hehl daraus gemacht, daß man Konzentrationen im bayerischen Braugewerbe für unbedingt erforderlich hält. Die Bank fühlte sich als eine Art Auffanggesellschaft für Brauereien in Bayern,

Jetzt stoßen die Bayern erstmals in den Norden vor und gewinnen mit der Schultheiss-Schachtel Einfluß über einen Bierausstoß von rund 2,2 Millionen Hektoliter. Hinter Oetker (6 Millionen Ausstoß), Dortmunder Union (knapp 4 Millionen) und Reemtsma-Henninger (3,2 Millionen) rangiert die Schultheiss-Gruppe in der Bundesrepublik an vierter Stelle.

Die Bayern könnten mit ihrem Schultheiß-Engagement nach Ansicht der aufgeschreckten Brauereiexperten eine bundesweite Bierinvasion starten. Die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank könnte versuchen, durch weitere Aktienkäufe die Mehrheit bei Schultheisszu erlangen, um das Berliner Unternehmen dann zum Kernpunkt eines über die bayerischen Grenzen expandierenden Bierkonzerns unter weiß-blauer Führung zu machen.

Diskutiert wird aber auch die Möglichkeit, daß die Schultheiss-Schachtel lediglich als Tauschobjekt dienen soll mit dem Ziel, alle in Bayern gelegenen Brauereien wieder bayerisch zu machen. Seit einiger Zeit sind nichtbayerische Brauereiunternehmen bemüht, über den Erwerb von Beteiligungen südlich des Mains festen Fuß zu fassen.

Der Schultheis*-Vorstand hat sich zur neuen Lage noch nicht geäußert. Vieles deutet darauf hin, daß er von der Entwicklung ebenso überrascht worden ist wie die Dortmunder Union-Brauerei (DUB), mit der Schultheiss erst in diesem, Jahr einen lockeren Kooperationsvertrag abgeschlossen hatte. Ob dieser Zusammenarbeit noch eine Zukunft beschieden ist, wird jetzt in München entschieden.

kw