Von Hellmuth Karasek

Das war der kürzeste und doch wichtigste Theaterabend der letzten Zeit. Da Ionescos "Neuer Mieter" ausfiel – zum Glück für Stück und Aufführung, die (das darf man schlicht unterstellen) an dem Vergleich mit der Beckett-Inszenierung von Becketts "Letztem Band" einfach zerbrochen wären –, dauerte alles knapp fünfundvierzig Minuten. In diesen fünfundvierzig Minuten sah man: einen aus der Dunkelheit mittels Deckenlampe herausgeleuchteten Tisch, zwei Bananen, ein Tonbandgerät, einige Kassetten mit Tonbändern und einen Schauspieler: Martin Held. Becketts radikale Reduktion hatte das Theater auf den kleinstmöglichen Nenner und damit auf den größtmöglichen zugleich gebracht. Ein Spieler, kein Gegenspieler. Doch, ein Gegenspieler, der unerbittlichste, den man sich denken kann: die Konfrontation mit dem, was man einmal war. Die Sucht, in sich hineinzuhorchen, nach dem, was nur dadurch schrecklich lebendig ist, daß es in Wahrheit schrecklich erloschen ist.

Was man schon am "Endspiel", vor knapp zwei Jahren, im gleichen Werkstatt-Theater des Schiller-Theaters feststellen konnte: wenn Beckett Beckett inszeniert, dann gibt es nichts Zufälliges; jeder Gang, jede Geste, jede Pause drückt genau aus, was sie ausdrücken will und soll. Was im "Endspiel" in Ham als Herr in den Rollstuhl der abgestorbenen Erinnerungen gefesselt war, in Clov als Knecht dieses gefesselte herrische Wesen mit schlurfend verkrüppelten Schritten bedienen mußte, das fiel hier in einer Figur zusammen: in einen, der nur noch schwer und schleppend gehen konnte und der doch gleichzeitig in überstürzte, stolpernde, hektische Eile verfiel, wenn er sich, den andern, der da reglos in seine Vergangenheit hineinhören wollte, mit seinen "Sucht"-Mitteln bediente: mit den Tonbändern und dem Tonbandgerät, mit den Bananen, die da mit fingernder Ungeduld aus Schubladentiefen hervorgegrabscht wurden. Nie war klarer, daß Krapp einem Laster frönt, nie war deutlicher, daß das Stück noch so allgemein, so den Menschen umfassend gemeint ist – und doch gleichzeitig zulässig als das intimste Stück "Autobiographie" gedeutet werden kann: Becketts Sucht und Laster, in sich hineinzuhorchen, auf das, was fremd geworden und abgetötet ist; jenen hoffnungslosen Vergleich mit der Vergänglichkeit ziehen zu müssen: ein Horchen auf sich selber, wie es der Titel von Becketts "Aschenglut" andeutet, ein pessimistischer Optimismus, der in den "Glücklichen Tagen" im irritierenden Futur von sich sagen muß: "Das wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein."

Auffallend schon der Anfang: Während die Regieanweisung vorschreibt, daß der Spieler des Krapp mit bleichem Gesicht und roter Nase der Theaterwelt des Clowns zu entstammen scheint, spielt Martin Held einen einsiedlerisch unheimlich gealterten Martin Held. Einzige Maske: Held spielt sein eigenes Greisenalter voraus. Ist es Einbildung, wenn man meint, Held, dem bleiches schütteres Haar wirr ins altersverkniffene Gesicht hängt, der unter abgewetzter Weste ein Hemd mit schlampig aufgekrempelten Ärmeln trägt, sehe auf irgendeine unverwechselbare Weise "französisch" aus – vielleicht durch den buschigen Schnurrbart, der die greisenhaft verkniffenen und die Sprache nicht mehr recht fassen wollenden Lippen überhängt?

Was einem am Anfang als Schwierigkeit erscheint, als Schwierigkeit Helds, in die Rolle dieses sich aufbäumenden Menschenwracks zu schlüpfen, erweist sich beim näheren Zusehen als ein eminent theatralischer Vorgang. Es schien so, als wechselte Held erst mit ungeheurer Anspannung in den Krapp hinüber, als fände die "Kostümierung" erst auf der Szene statt.

Aus diesem alten Krapp schienen nur noch Tierlaute zu kommen. Böse, schrille Laute der Gier und der Unlust. Krapp, der Bananen verspeist – ein Vorgang von sexueller Peinlichkeit; Befriedigung minimalisiert auf ein schäbiges Zeremoniell des Schälens und Mampfens, das flattrig und feierlich zugleich ausgeführt wurde.

Wehrt sich da einer gegen das Erlöschen, wenn er seine auf Tonbänder gesprochenen Erinnerungen mit der Hast eines Süchtigen herbeischleppt? Oder macht er sich damit noch bewußter, daß es mit ihm aus ist? Martin Held am Tonband, den einen Arm horchend aufgestützt, den andern bald zärtlich um das Gerät gelegt, bald zum nervösen Fingern an eben diesem Gerät gebraucht und, wenn ihn Ungeduld oder Schreck oder Angst oder Sehnsucht oder Leere zum Stoppen, zum Weiterspulen, zum Zurückdrehen nötigen. Nie habe ich auf dem Theater einen Kopf gesehen, der so ganz angespanntes Zuhören auszudrücken vermochte, geneigt, mit weit aufgerissenen oder zusammengekniffenen Augen; mit unheimlich leeren Pausen, die auszudrücken schienen, wie einer verzweifelt ein Echo in sich erzeugen will, wo kein Echo mehr ist.