Von Manfred Sack

Das muß man wohl sagen: Es hat sie ja kein Zufall an den Pop-Himmel geworfen, als eines dieser hastig flackernden Sternchen, die dem Produzenten am Ende nur noch als rasch veraltete Taler ohne Sammlerwert in den Schoß zurückfallen. Sie ist ja, von ihrem Artistendebut mit sechs Jahren angefangen, wo sie "dreiundsiebzig Sekunden Gavotte im Familienverband" getanzt hat, ganz fleißig, ganz beharrlich aufgestiegen, mal schneller, mal langsamer, mal sah man sie nicht mehr, mal schlug sie lang hin.

Man war mitunter, besonders in den letzten Jahren, sehr erschrocken über die Folgen ihrer amerikanischen Erfolge, über ihre Fernsehauftritte zum Beispiel, diese belanglosen, affektierten Übungen in einer oft unerträglich manierierten Choreographie, wo sie zuckte und zappelte, dramatisch den Kopf warf und aus den Resten einer kümmerlichen musikalischen Substanz so etwas wie Paso-doble-Gehacktes anrichtete: mißverstandene Show, mißverstandene Sängerin, alberne, inhaltlose, verklemmte Geste.

Vielleicht hatte irgendeiner dieser harten Burschen, die das Geschäft mit den Schallplatten regeln, mal wieder gesagt, sie werde allmählich alt; in der Branche ist man damit schnell bei der Hand, da ist man rigoros. Man braucht nur die beiden letzten Single-Platten der Dame zu hören: letzter Versuch, sie zu verhökern, diese Caterina Valente, die sie dieses dumme Zeug singen lassen wie ein Zufallssternchen. Aber sie tut’s ja auch, vielleicht braucht sie mehr Geld als guten Ruf, und das Lied vom "Riesenrad" ist sicherlich Geld wert.

Es existierten, nicht wahr, Vorurteile, als Caterina Valente vorige Woche in der Hamburger Musikhalle ihre Deutschland-Tournee antrat. Sie war aufgeregt, als sie auf die Bühne kam, sie "sprang ins kalte Wasser" und fror: linkische Bewegungen, unsaubere Intonation. Dann ging es ans Warmmachen, zu welchem Zweck sie nur ihr Publikum durch eine viel zu zuckersüße Potpourriwand von Eierkuchen-Sentimentalität zwang. Der Weg ins Valente-Schlaraffenland war voller Pein; mehr als dem Ohr tat es dem Gehirn weh. Daß Sänger immer ihre Schlagerfestivalvergangenheit repetieren müssen!

Doch dann, als sie den langen Rock ihres weißen, an den Kanten bestickten langen Hosenanzuges abgelegt hatte, befand man sich, etwas überrascht, auf einem ganz unwahrscheinlich nuancenreichen Terrain, fand eine wirklich gute Sängerin und merkte auch wieder, daß sie so vieles und vieles so außerordentlich gut kann, daß sie alle Konkurrenten in ihrer Branchenumgebung lässig in den Schatten stellt und daß sie dem Sinatra auf jeden Fall die Stimme voraus hat.

Sie besitzt eine gut ausgebildete, voluminöse, kräftige, außerordentlich modulationsfähige und farbige Stimme. Aber man hat auch bald heraus, daß diese Stimme nur dann "da ist", wenn sie herausgefordert wird: Caterina Valente ist gut, wenn das, was sie vorträgt, gut ist und wenn die, mit denen sie das macht, gut sind.