In einer überraschend kurzen Zeitspanne haben Sozialdemokraten und Freie Demokraten den Rahmen für eine künftige gemeinsame Regierungsarbeit abgesteckt. Während die Expertengespräche über Detailfragen noch andauern, gaben die SPD- und die FDP-Bundestagsfraktion bereits fünf Tage nach der Bundestagswahl ihre Zustimmung zu einer linksliberalen Kleinen Koalition und den bis dahin getroffenen Vereinbarungen.

Im Gegensatz zu manchen Erwartungen bildete sich in der FDP keine geschlossene Formation gegen ein Zusammengehen mit den Sozialdemokraten. Schon um Wochenende sprachen sich vier FDP-Landesverbände (Nordrhein-Westfalen, Bayern, Schleswig-Holstein und Hessen) für die Koalition mit der SPD aus. Lediglich in Bayern gab es bei der entscheidenden Abstimmung zwei Gegenstimmen und eine Enthaltung.

Auch die Front prominenterer Freidemokraten (zu ihr zählten unter anderen Erich Mende und Josef Ertl) gegen eine Zusammenarbeit mit der SPD brach bald – zusammen. Der ehemalige FDP--Bundesvorsitzende Mende lobte später das Ergebnis der Gespräche seiner Partei mit der SPD: "Die FDP-Verhandlungskommission hat sehr viele gute Ergebnisse mitgebracht." Ertl erklärte sich nach "einigen schlaflosen Nächten" bereit, als Landwirtschaftsminister in eine Koalition mit der SPD einzutreten.

Die Bereitschaft innerhalb der FDP zur Regierungsbildung mit den Sozialdemokraten wurde offenbar auch durch wiederholte Koalitionsangebote der CDU/CSU nicht geschmälert. So hatte Bundeskanzler Kiesinger dem FDP-Vorsitzenden Scheel in einem Brief noch einmal weitgehende Zugeständnisse gemacht, zu denen unter anderen gehörten:

  • Angebot einer umfassenden und langfristigen politischen Zusammenarbeit auf Bundes- und Länderebene;
  • Regelung der mit der Regierungsbildung "verbundenen personellen Fragen im Sinne loyaler Partnerschaft" (es war die Rede von fünf Ministerposten für die FDP).

Zu einem Gespräch zwischen CDU/CSU und FDP über das Angebot kam es jedoch nicht mehr: Kiesinger gab zu verstehen, daß er an einen Besuch der FDP-Verhandlungsdelegation nicht interessiert sei, wenn sie ihn nur über das Ergebnis ihrer Absprachen mit der SPD informieren wolle.

Im Verlauf der Woche vertrat Kiesinger die Ansicht, daß eine SPD-FDP-Koalition nicht dem Wählerwillen entspräche. "Deshalb stoßen wir jetzt in unserem Lande auf ein weitverbreitetes Gefühl des Unbehagens und der Unsicherheit," erklärte der Kanzler. Man solle sich jetzt "ruhig und kaltblütig" darauf einstellen, daß die Bundesrepublik eine Zeitlang von einer schwachen und programmatisch unklaren Koalition regiert werde, meinte Kiesinger. Auf die Frage, wie die CDU/CSU in der Opposition reagieren werde, erklärte er: "Überlegt und kraftvoll, wie es einer auch in diesen Wahlen erfolgreichen Partei zukommt."