Die Mannen des Herrn Studienrats Himmelstoß – eine Dokumentation über die „Napola“

Von Manfred Sack

Im Plural hießen diese Knaben nicht Männer, sondern Mannen: Jungmannen. Das Markenzeichen, mit dem die zehn- bis achtzehnjährigen Schüler ausgezeichnet waren, schlug wie manches andere tief unten „im Germanischen“ verworrene Wurzeln. „Schon bei den Germanen gab es eine Waffenleite und bei den Rittern den Ritterschlag“, schrieb den kleine Klaus v. G. 1941 in die Schulzeitschrift, dann fuhr der Vierzehnjährige fort: „Die Jünglinge legten damit alles Kindliche ab und bekamen ein Schwert in die Hand, um an der Seite der Älteren für ihr Volk zu kämpfen und ihre Ehre rein zu halten.“

Auch der Knabe v. G., Zögling einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt („Napola“), hatte – daher der Exkurs in die leicht verschwommene Geschichte – mit seiner Klasse soeben „ein Schwert“ bekommen, ein gut gefettetes Seitengewehr mit der Gravur „Mehr sein als scheinen“. Während die zum Manne geschlagenen Jungmannen nachmittags mit ihren Älteren – Eltern und Erziehern – ihre heidnische Konfirmation im Stadtgasthof bei Kaffee und Kuchen feierten, versuchten sie bereits, sich wie Männer zu fühlen.

Das Kindliche hatten sie lange vorher schon, beim Eintritt in ihr Eliteinternat, abgegeben; sie waren lauter kleine Rekruten geworden. Zwar wurde immer betont, es handele sich nicht im geringsten um Kadettenanstalten, aber in Wirklichkeit bediente man sich einiger ihrer wichtigsten Praktiken.

Vormittags gingen die Jungen zur Schule; sie folgte dem Lehrplan normaler Oberschulen, setzte jedoch ein paar eigenwillige Akzente auf zwei Gebiete: den Sport, der „Ertüchtigung“ wegen, und auf musische Fächer, der „Verinnerlichung“ (sprich Sentimentalisierung) wegen; Denken war nicht vorgesehen.

Nachmittags und abends ging es anders zu: Die Knaben exerzierten und wurden geschliffen; sie mußten über Kies und Aschenbahn robben, sich durch Pfützen wälzen, bei Frost die Handschuhe ausziehen, weil einer einen verloren oder vergessen hatte; sie „spielten Maskenball“ und mußten sich dafür in selbstverständlich viel zu kleinen Zeitspannen in immer andere Monturen werfen, manchmal stundenlang; sie wurden mit stufenweisen Kniebeugen gequält, bei denen sie mit ausgestreckten Armen randvoll gefüllte Wassergläser auf schweren Holzschemeln auf- und abbalancieren mußten, bis einer sein Glas hinabrutschen ließ und Anlaß bot, neue Strafen auf sich zu ziehen und von den anderen verachtet zu werden; sie wurden schikaniert, mit Strafen bedacht, die meist unerfüllbar waren und somit ständig neue demütigende Strafen nach sich zogen.