Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Oktober

Sechsunddreißig Tage brauchte Konrad Adenauer, bis er 1949 seine erste Regierung gebildet hatte, 45 Tage waren es 1953, vier Jahre später 39, nicht weniger als 65 Tage 1961, und 1965 dauerte es 37 Tage, bis das Kabinett Erhard–Mende stand. Willy Brandt und Walter Scheel hingegen sind sich binnen einer knappen Woche nach dem Spruch der Wähler handelseinig geworden, mag auch ihre Ministerliste noch nicht ganz vollständig sein. Die Regierungsbildung 1969 war ein Sechs-Tage-Rennen.

Freilich, während die Sieger schon in ihre Bozen gegangen sind, starrt das Publikum noch immer wie gebannt auf die Bahn, als könne es das Schauspiel, das es gesehen hat, noch immer nicht fassen, als sei unwahr und unwirklich, daß der Altfavorit von den beiden Überraschungssiegern abgehängt und geschlagen worden ist. Aber das Rennen ist tatsächlich gelaufen. Erst in dieser Woche, in der Atempause, die der ununterbrochenen Hektik der Vorwoche folgt, dämmert den Bonnern, was sich zugetragen hat.

Koalitionsverhandlungen und Regierungsbildung – das hatte in Bonn bisher stets einer schwerfälligen und dissonanten Ouvertüre geglichen. List und Ranküne, Tricks und Winkelzüge waren noch jedesmal an der Tagesordnung.

Nichts davon in diesem Jahr. Die Regierungsbildung 1969 glich einem rasch und klar gespielten Präludium. Einen Eindruck davon erhielten die Millionen Zuschauer der "Tagesschau", als sie die Bilder sahen, die die Fernsehreporter vom Balkon des Bonner Funkhauses aus mittels einer elektronischen Kamera samt Weitwinkelobjektiv von den Koalititonsgesprächen im gläsernen Dachgarten des hundert Meter entfernten Hauses der nordrhein-westfälischenLandesvertretung eingefangen hatten. Da saßen die Verhandlungskommissionen über ihre Papiere gebeugt; Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt und Karl Schiller hatten den Sakko abgelegt und die Krawatte gelockert; ab und zu bildeten sich kleine Gruppen, die gemeinsam irgendein Faszikel studierten.

Keine heftigen Gesten, kein Pokerspiel, wiewohl es ein Stummfilm war, den das Fernsehen zeigte, wurde doch deutlich, daß es sich hier nicht um eine spannungsgeladene Runde handelte, sondern um eine Sitzung, in der die Direktoren zweier Unternehmen Punkt für Punkt prüfen, wie sich die schon beschlossene Fusion am besten bewerkstelligen läßt. Die Regierungsbildung 1969 ging ganz undramatisch und ohne sensationelle Begleitumstände vonstatten – so, als sei die völlige Veränderung der bisherigen Machtverhältnisse das Selbstverständlichste von der Welt.