In Bonn hat – mit der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und FDP – das große personalpolitische Zittern begonnen.

Nicht alle Politiker der CDU/CSU tragen den bevorstehenden Regierungswechsel so sehr mit Fassung wie Bundesernährungsminister Hermann Höcherl. Nur einmal in der vergangenen Woche geriet der Niederbayer ein wenig aus der Fassung, Es war zu einem Zeitpunkt, da die Oppositionsrolle der Union noch keineswegs feststand, und zwar am vergangenen Montag.

Kaum war der Minister aus der Kabinettssitzung zurückgekehrt, die sich mit den währungspolitischen Schwierigkeiten befaßte, meldete sich telephonisch der Vizepräsident der EWG-Kommission, Sicco L. Mansholt, und warf der noch amtierenden Bundesregierung vor, sie verstoße mit ihrem eigenmächtig gefaßten Beschluß, Ausgleichsabgaben bei der Einfuhr von Agrar-Produkten zu erheben, gegen den EWG-Vertrag.

Höcherl verwies auf den Artikel, 115 des EWG-Vertrages, was bei Mansholt die erstaunte Frage hervorrief, was denn in diesem Artikel überhaupt stehe. Angesichts dieser Unterhaltung kündigte der Minister seinen Mitarbeitern an, er werde bei der nächsten Mini-Ministerratssitzung in Luxemburg "auf den Tisch hauen" – unabhängig davon, ob er Minister bleibe oder nicht.

Inzwischen ist die politische Entscheidung gegen Höcherl gefallen. Sein Nachfolger wird voraussichtlich ebenfalls aus Bayern sein. Er heißt Josef Ertl und ist Oberlandwirtschaftsrat und Schwiegersohn: des ersten: Ernährungsministers der Bundesrepublik, des Bayern Niklas, der dieses Amt vor Heinrich Lübke innehatte.

Ertl wird voraussichtlich in Brüssel öfter als Höcherl die Absicht haben, "auf den Tisch zu hauen". Schon heute gibt es aber in Bonn weitverbreitete Zweifel, ob das die richtige Methode sein wird, die künftigen schwierigen Verhandlungen im Ministerrat und bei der beabsichtigten Gipfelkonferenz der Europäischen Gemeinschaften erfolgreich für die Bundesrepublik zu gestalten.

Selbst politische Gegner der CSU sehen das "Schlitzohr" Höcherl mit Bedauern aus seinem Amt scheiden, weil sie der Ansicht sind, das Verhandlungsgeschick des ehemaligen bayerischen Amtsgerichtsrates werde eigentlich dringend benötigt. Niemand in Bonn glaubt aber daran, was Spaßvögel als neueste Neuigkeit verbreiten: Höcherl sei vom bayerischen Landesverband der FDP abgeworben worden, um dieser Partei nicht nur in Brüssel zu einem guten europäischen "Image" zu verhelfen, sondern auch mit der Absicht, ihr bei den nächsten Landtagswahlen mehr als fünf Prozent Wähler in Bayern zu sichern und zugleich die "Linken" in der FDP in die Defensive zu drängen.