Über den Wechselkurs der Mark entscheidet nicht das freie Spiel der Kräfte, sondern allein Karl Schiller

Eine Traumsituation wird Karl Schiller vorfinden, wenn er am 22. Oktober wieder zum Wirtschaftsminister berufen werden wird – diesmal unter einem Kanzler Brandt. Er kann, worum er fünf Monate vergebens gekämpft hat, dann durchsetzen, ohne auf nennenswerten Widerspruch zu stoßen: die Aufwertung der Mark. Auch die engagierten Gegner einer Änderung des Wechselkurses warten inzwischen sehnsüchtig darauf, daß eine neue Währungsparität festgesetzt wird, weil dann "die schreckliche, die flexible Zeit" ein Ende findet. Wie Schiller-Ministerialdirektor Wilhelm Hankel sagte: "Kniefällig werden sie um die Aufwertung bitten."

Ordnung, wenn auch eine ungeliebte Ordnung, ist eben für die Wirtschaft allemal verträglicher als Chaos. Die Freigabe des Wechselkurses der Mark aber hat, wie nicht anders zu erwarten, zu neuer Verwirrung geführt.

Die Nervosität an den Devisenmärkten dauert an, die Spekulation geht nicht heraus aus der Mark, der Abschluß von Exportgeschäften wird durch die schwankenden Kurse unsinnig erschwert. Schließlich ist der EWG-Agrarmarkt zerrüttet. Tagelang hat sich die Bundesrepublik einem Verdikt der Brüsseler Kommission widersetzt und ist so zum erstenmal Störenfried innerhalb der Sechsergemeinschaft gewesen. Erst ein Kompromiß im Ministerrat beseitigte den unerträglichen Zustand.

Wenn man freilich den Befürwortern der Aufwertung glauben will, dann sind die Verwirrung der Wirtschaft und der Rechtsbruch gegenüber Brüssel kein zu hoher Preis dafür, daß nun endlich "die Unterbewertung der Mark" beseitigt wird. Im freien Spiel von Angebot und Nachfrage werde sich am Markt ein neuer, "der richtige" Wechselkurs der Mark herausbilden – so beginnt das Märchen, das nun in der Bundesrepublik verbreitet wird. Es ist ein Märchen – denn was sich an den Devisenmärkten vollzieht, hat mit dem "freien Spiel der Kräfte" nicht das geringste zu tun. Nicht Angebot und Nachfrage entscheiden über den Kurs der Mark, sondern allein der Wille Karl Schillers.

Spekulanten haben zumindest einen Vorzug: Sie lassen sich nicht von propagandistischem Geschwätz verwirren, sondern orientieren sich an den Realitäten. Im konkreten Fall bedeutet das: Die Spekulation geht davon aus, daß die Freigabe des Mark-Kurses nur ein Notbehelf ist, daß die neue Regierung die Mark de jure aufwerten und wieder "festbinden" wird. Bei dem erwarteten Aufwertungssatz hat sich denn auch der "freie" Kurs eingependelt. Ganz abgesehen davon sorgt auch die Bundesbank dafür, daß die Mark an den Devisenbörsen den "erwünschten Kurs" erreicht – durch "leichte Regulierung", wie sie selbst sagt, durch "massive Intervention", wie ihre Kritiker behaupten.

Wäre es anders gekommen, hätte etwa eine CDU/FDP-Koalition erklärt, daß eine Aufwertung völlig ausgeschlossen ist (und die Bundesbank nicht interveniert), dann würde der Dollarkurs heute noch bei rund vier Mark liegen. Denn kein Spekulant wäre dann so töricht gewesen, heute etwa einen Dollar in 3,75 Mark zu tauschen, wenn er doch weiß, daß er wenige Tage nach dem 21. Oktober wieder vier Mark dafür bekommen wird. Andersherum: Wenn Schiller morgen erklärt, er werde um acht Prozent aufwerten, würde sich der "freie Kurs" sofort auf diesem Niveau einpendeln. Die Spekulation tut nichts anderes, als der Politik zu folgen.