Hamburg, im Oktober 1969

Lieber Manfred Bieler!

Erinnern Sie sich an unsere Begegnung in München am 1. September vorigen Jahres? Ich habe dieses Datum festgestellt auf Grund eines Vermerks in Ihrem Buch, das Sie mir widmeten und das zum ersten Band meiner neu gegründeten Bibliothek wurde. Wir beide gingen am dritten Tag der Besetzung aus der Tschechoslowakei fort. Wir versuchten nicht, uns Gewehre zu beschaffen, um gegen die Eindringlinge zu kämpfen, weder ich, noch Sie. Ich begab mich nicht auf die Suche nach einer Flinte, weil ich auch nicht einen Augenblick glaubte, daß eine bewaffnete Verteidigung Erfolg haben könnte.

Ich schreibe Ihnen, denn der Adressat Ihres Briefes kann Ihnen nicht antworten, ob er mit Ihnen übereinstimmt oder nicht – ich setze freilich voraus, daß er kein Mann ist, der fähig wäre, zu erklären, die Invasion der Truppen der fünf Staaten wäre für die von der Konterrevolution und den Intrigen der Imperialisten bedrohte sozialistische Tschechoslowakei eine Wohltat gewesen. Er kann Ihnen weder durch einen Offenen Brief antworten noch durch einen verschlossenen – denn auch diese werden in der Tschechoslowakei wieder geöffnet –, will er sich nicht ernster Gefahr aussetzen. Falls er ein vernünftiger Mensch ist, wird er es nicht tun. Warum auch? Gefährliche, lebensgefährliche Schritte darf man nur dann wagen, wenn sich damit etwas erreichen läßt. Sonst ist es nicht Mut, sondern Unverantwortlichkeit, Torheit, Wahnsinn.

Es geht mir hier nicht darum, daß es nicht ganz fair ist, einen Offenen Brief voller Vorwürfe an einen Freund zu schreiben, der nicht auf gleichem Wege antworten kann. Es geht mir um das Problem des Mutes, um den Mangel an Heldentum, den die Tschechen und Slowaken Ihrer Ansicht nach gezeigt hätten. Sie selber sagen, "jeder Unteroffizier zwischen Elbe und Mississippi beantwortet heute die Frage nach der militärischen Chance der Tschechoslowaken gegen die Rote Armee mit einem eindeutigen Nein". Wozu sollten sie also-die Waffen ergreifen? Damit sie um den Preis mehrerer hunderttausend Menschenleben, um den Preis verheerter Städte in die Lesebücher eingingen, aus denen die künftigen Soldaten künftiger (auch Eroberer-)Armeen Vorbilder an Tapferkeit schöpfen werden? Damit wir beide, ich in Hamburg, Sie in München, ein wärmendes Gefühl des Stolzes auf unsere Mitbürger empfänden, wenn wir unsere heldenhaft gefallenen Freunde beweinen? Auf daß das internationale Feuilleton, über das Sie sich so lustig machen, Stoff hätte zu noch größeren und blutigeren Schlagzeilen?

Ihre historischen Beispiele, mit denen Sie den Sinn des bewaffneten Widerstandes kleiner Völker gegen große begründen, stimmen nicht, weder jene aus der Antike noch jene aus der Neuzeit. Vielleicht mag es Ihnen ein Trost sein, daß historische Vergleiche immer hinken. Die Griechen führten,-bei Salamis keinen hoffnungslosen Kampf gegen die Perser. Soweit ich mich aus der Schule entsinne, wählten sie deshalb den Kampf auf See, weil die athenische Flotte mit ihren zweihundert Kriegsschiffen damals die mächtigste Seestreitmacht der Welt war. Davon, daß sie damals nicht ohne Chancen waren, zeugt die Tatsache, daß sie bei Salamis siegten. Das Beispiel des verbündeten Widerstands der Sowjetunion, der USA, Großbritanniens und Frankreichs gegen die Nazis ist in diesem Zusammenhang nicht überzeugend, das werden Sie wohl zugeben. Überzeugend wäre das Beispiel eines kleinen, einsamen Landes. Jugoslawien, Griechenland, Polen wehrten sich gegen die Nazis viel intensiver als die Tschechoslowakei, doch sie wurden ebenfalls besetzt, und weder während noch nach der Okkupation erging es ihnen besser als der Tschechoslowakei. Ungarn und Polen hatten 1956 jene "wenigstens zehntausend in einem Volke, die den Wert des Lebens nicht ausschließlich an seiner Dauer messen". In Ungarn floß Blut – und was wurde erreicht?

Anno 1938 schreckte Hitler vor der tschechoslowakischen Mobilmachung nicht zurück – er hatte nur Angst, sie könne zum Eingreifen der Verbündeten führen. Als er herausfand, daß die Verbündeten nicht eingreifen würden, besetzte er das Land. Und er hätte es auch getan, hätte der damalige Staatspräsident Hácha die Kapitulation nicht unterschrieben.