Von Curt Gasteyger

Nicht ohne leichte Verwirrung beendet man die Lektüre eines halben Dutzends neuer Bücher über das unerschöpfliche Thema "Europa". Man vergleicht diese Alarmschreie über den wachsenden technologischen Rückstand unseres Kontinents, dessen klägliche Rolle als "Objekt" der beiden Weltmächte, seine fast schon verantwortungslose Absenz von den Schauplätzen der Weltpolitik im Nahen, Mittleren und Fernen Osten – man vergleicht all das mit dem Alltag eines Westeuropas, dem es offensichtlich noch nie so gutgegangen ist wie heute, in dem es seit einem Vierteljahrhundert keinen Krieg mehr gegeben hat und dessen Wirtschaft, Verkehr und Tourismus fast aus den Nähten platzen. Kein Zweifel: dieses politisch so herabgekommene und zur Not halbwegs integrierte Europa prosperiert. Es prosperiert so vor sich hin, ohne klare Vorstellung über sich selbst, ohne Mission und erst recht ohne weltpolitische Verantwortung.

Vielleicht, oder sogar sehr wahrscheinlich, liegt darin der Grund für das Unbehagen vieler (keineswegs aller!) Europäer. Das "Europa à la carte", das sie in den mannigfachen mehr oder weniger erfolgreichen Teilorganisationen, von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bis zum "Europäischen Komitee für Milchkontrolle", vor sich haben, ist noch lange kein überzeugendes politisches Programm, geschweige denn der vielversprechende Auftakt zu einem geeinten Europa mit Zukunft. An Rezepten für das eine oder andere fehlt es nicht; wer sie sich zu Gemüte führt, möchte fast an eine Neuauflage jener verheißungsvollen "Relance europeenne" glauben, die nach 1955 den Anstoß zur Gründung des Gemeinsamen Marktes und von Euratom gab.

Vorläufig belehrt uns die gegenwärtige Szenerie Europas eines anderen. Von einem gelegentlichen Vorstoß hüben und drüben abgesehen, scheint die Zeit für weitgesteckte Pläne, "Grand Designs" und "Relancen" vorüber zu sein. Die Strategie für Europa hat sich zur Taktik um Europa verdünnt; man denkt funktional und pragmatisch und hält sich damit für um soviel realistischer als die Idealisten der 40/50er Jahre.

Ungefähr diesen Eindruck vermittelt das anregende Buch über "Europas Zukunft – Europas Alternativen". Es ist das Ergebnis einer Gemeinschaftsstudie von Mitarbeitern des Londoner Instituts für Strategische Studien. Der Eindruck mag von seiner besonderen Methode herrühren, die ebenso originell wie für die Beurteilung künftiger Optionen aufschlußreich ist. Es soll, wie Alastair Buchan als Herausgeber sagt, keine eigentlichen Prognosen stellen. Vielmehr springen die Autoren selber in die Zukunft, indem sie sechs in ihrer Organisation und politischen Zielrichtung verschiedene Modelle entwerfen, zu denen sich das heutige Westeuropa entwickeln könnte: ein "evolutionäres" Europa, das sich im jetzigen Fahrwasser weitertreiben läßt; ein "atlantisiertes" Europa, das sich ganz dem Schutz der Vereinigten Staaten anheimgibt; ein "Europa der Vaterländer" nach de Gaulleschem Muster; ein "desintegriertes" Europa, in dem selbst die heute bestehenden Integrationsformen aufgelöst sind; ein "Partnerschaftseuropa", das, weil geeinigt, ein vollwertiges Gegenüber für die Vereinigten Staaten von Amerika geworden ist; und schließlich ein von den beiden Weltmächten unabhängiges "föderiertes Europa".

Dieses Vorgehen ermöglicht es, die Vor- und Nachteile der sechs Modelle für Westeuropa selbst und die Auswirkungen auf seine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und Osteuropa zu untersuchen. Es zeigt sich sehr bald, daß keines dieser durchaus möglichen Europas eine Lösung für alle seine Probleme anbietet. Es gibt, wie überall in der Politik, kein Optimum, sondern nur die Wahl des kleineren Übels, eine Skala von Werten und Prioritäten, auf Grund deren die Entscheidungen für die Zukunft zu treffen sind. Europas Optionen bleiben somit begrenzt, das Ideal – der politisch-wirtschaftliche Zusammenschluß, die Lösung des Deutschland-Problems, eine Annäherung zwischen den beiden Teilen Europas, Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten, Verständigung mit der Sowjetunion – ist keine realistische Option, weder für heute noch für die weitere Zukunft.

Diese vielfach gar nicht so selbstverständliche Erkenntnis in so abgewogener Weise aufzuzeigen, ist das Verdienst des Londoner Instituts. Daß die Verfasser in ihren Schlußfolgerungen dann doch noch versuchen, mit einer Art siebtem Modell – einem "funktionalen Europa" – die Quadratur des Zirkels herbeizuzaubern, ist vielleicht verständlich, aber trotzdem unbefriedigend. Hier wird uns ein buntgeschecktes Europa vorgestellt, das teils supranational, teils zwischenstaatlich organisiert ist, genügend flexibel für die Schaffung immer weiterer Teilorganisationen und offen für jederlei Art von Mitgliedschaft, erträglich für die Sowjetunion und interessant für die Vereinigten Staaten; kurz: dessen Generalnenner "efficiency" (zu deutsch: "sachliche Leistung") nach allen Seiten ist.