Er wollte der Marcel Proust von England werden. Immerhin hat es Harold Nicolson vollbracht, daß seine Aufzeichnungen und Briefe aus 35 Jahren unter die ersten Werke der Tagebuch-Literatur gezählt werden müssen. Alex Natan hat die drei Bände der englischen Ausgabe seinerzeit in diesem Blatt ausführlich besprochen (ZEIT Nr. 41/67 und Nr. 38/68). Nunmehr liegt auch eine erste deutsche Übersetzung vor:

Harold Nicolson: "Tagebücher und Briefe 1930–1941"; hrsg von Nigel Nicolson; ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Helmut Lindemann; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1969; 480 Seiten, 13 Bilder, 30,– DM.

Der 2. und letzte Band soll im nächsten Jahr erscheinen. Die deutsche Ausgabe enthält sogar einige Stücke, die in England noch nicht veröffentlicht wurden.

Nicolson, früh in den Ruhestand getretener Diplomat und dann nacheinander und nebeneinander Journalist, Schriftsteller, Parlamentarier, Minister, Rundfunkkommentator und, im Hauptberuf, Tagebuchschreiber, war ein Meister der Porträtskizze. Unvergleichlich, wie er mit wenigen Sätzen seine Zeitgenossen – ob Freund, ob Feind – ins Bild setzt: Chamberlain, Churchill, Eden, Lindbergh, Eduard VIII. und Georg VI. mitsamt ihren so gegensätzlichen Frauen. Er besaß gleichsam Antennen, mit denen er die leisesten Veränderungen der Gesellschaft registrierte, kommendes Unheil vorausahnte.

Auch dem deutschen Leser werden diese (vorzüglich übersetzten) Tagebücher ebenso vergnügliche wie bewegende Stunden der Lektüre bereiten. Beinahe körperlich spürbar wird die bedrückende Schwüle der Septembertage 1938 und 1939; Resignation, Schmerz und Trauer durchziehen die zuweilen lakonischen Notizen jener Tage. Abenddämmerung eines Empire. Über allem aber schwingt das Hohelied von der einzigartigen Ehe Harold Nicolsons mit der so wesensverschiedenen Dichterin Vita Sackville-West. Ihr zuliebe, die ihm nicht ins Ausland nachfolgen wollte, gab er 1930 seine diplomatische Karriere auf. Aus der Zeit seiher Tätigkeit an der Botschaft von Berlin stammt der Brief, den wir im folgenden in Auszügen zitieren und der auf eine uns Deutsche überraschende Weise seine Fähigkeit verrät, das Wesen und die Möglichkeiten eines Menschen zu erfassen:

Köln, 15. März 1929

Meine herzallerliebste Viti,